Berlin : Notizen im Getreidespeicher

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F ür diese Zeilen machte ich mir im Getreidespeicher des Westhafens Notizen zu dem, was war, und dem, was ist, und nur vage dem, was kommen wird. Lediglich die Giebelinschrift und eine Vakuumanlage mit Doppelkolbenpumpe hinter Glas und eine Erklärung daneben geben dem Besucher des Lesesaals der Zeitungsabteilung, einer Schatzkammer der Staatsbibliothek, eine Ahnung von der einstigen Bestimmung des Hauses als Getreidespeicher. Also haben wir schon Beispiele für das, was war – Getreidehortung – und das, was ist – Zeitungsabteilung.

Und das, was kommen wird, ist Entscheidungssache der Berliner Landespolitik. Ob sie – wie schon erwogen – die Behala (Berliner Hafen- und Lagerbetriebe) an die Stadtreinigung verkaufen wird, um Geld zu schneiden, bleibe hier dahingestellt. Einstweilen hat man für solches Handeln aus der linken in die rechte Hand immerhin schon einen Begriff in Umlauf gebracht: In-Sich-Geschäft. Mit möglichst unverständlichen Begriffen ist die Politik rasch bei der Hand. Es ist ja alles schon mal dagewesen, ob Verkauf oder Verpachtung; denn die öffentliche Hand ist an Bürokratie geschient, ungelenk.

Ich sitze im Getreidespeicher überm Berliner Lokalanzeiger vom 9. Februar 1923 (Morgenausgabe), der übrigens – die Inflation war auf ihrem Höhepunkt– einen diesbezüglich erstaunlich niedrigen Einzelpreis von 100 Mark nennt, und ich lese mit Interesse und Genuss an der schönen Sprache der damaligen Journalisten den Bericht aus der Stadtverordnetenversammlung; in ihm geht es um den Beschluss zur Verpachtung der Hafenanlagen. Da ist von der sehr ausgedehnten und lebhaft bewegten Debatte die Rede, was sich wie die Satzbezeichnung eines Musikstückes liest, und davon, daß es sich um den kostbarsten Besitz handle, den die Stadt Berlin infolge der mißlichen Finanzlage (sieh einer an!) aus der Hand zu geben gezwungen sei. Der Korrespondent schrieb, dass schließlich das Haus vertagungslustig war und nicht mehr zusammenbleiben wollte. So ein Satz ist mir höchster Zeitungsgenuss. Dafür muss ich erst in den Getreidespeicher des Westhafens gehen.

Und blicke hinaus aufs Hafenbecken II. Wo ehedem Getreide vom Schiff mit Hilfe der Doppelkolbenpumpe ins Speicherinnere gesogen wurde, wird jetzt Brennstoff gelöscht. Und wenn nicht das, so legt hier ein kleiner Dampfer an, mit dem man eine historische Brückenfahrt durch Berlin unternehmen kann. Von der Gegenwart zur Geschichte sind mancherlei Brücken zu schlagen. Und Berlin dürfte die meisten Brücken aller deutschen Städte haben. Der namhafteste Brückenbauer Berlins hieß Friedrich Krause (1856-1925), Geheimer Baurat, Stadtältester und Ehrendoktor der Charlottenburger Technischen Hochschule.

Hier im Westhafen berühren sich Geschichte und Gegenwart auf besondere Weise. Er ist mit seinen kaum 80 Jahren recht jung. Aber das allein genügt, um von der ersten zur dritten deutschen Republik über die Abgründe des Tausendjährigen Reiches und die Mauerjahre hinweg Brücken zu schlagen. Im Treppenhaus des Verwaltungsgebäudes ist das bildhaft dargestellt. Vom Entwurf durch Friedrich Krause bis zum heutigen Zustand, zu dem sich der Westhafen von der Versorgungs- zur Entsorgungsstätte gewandelt hat.

Wo mal Schweineköpfe eingelagert wurden – ein Foto zeigt das –, mag heute irgendein Consult im Schilde geführt werden. Und wo in die Hafenwirtschaft Bomben Löcher hauten, gab’s die Bockwurst mit Salat ausweislich eines Fotos von 1930 für 50 Pfennige. Und zur Blockadezeit wurde in die Lagerhallen gebracht, was die Stadt bei Kräften hielt. Bis zum Mauerfall blieb der Westhafen Lagerstätte für Belagerungsfälle: mit Getreide über Baustoffe bis zum Babypuder. Was eben so alles über Brücken geschafft wird, die uns einen belebten Begriff von Geschichte geben. Im Westhafen ist’s Ereignis.

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