Berlin : Notizen in einer Volksschulbank

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S olch einer Bank zwar sehr lange schon entwachsen, klemmte ich mich dennoch hinein und notierte, umhüllt vom weichen Bohnergeruch eines alten Klassenzimmers, was hier gedruckt steht: Ganz so, wie in meiner Bautzener Grundschule , die ich vor genau 50 Jahren hinter mich gebracht hatte. Und wenn ich meine Berliner Oberschul- Bänke bedenke, jene in den Physik- und Chemiesälen, so waren es die gleichen, wohl etwas geräumigeren Doppelsitz-Bänke in ansteigender Aufreihung gegen den Experimentiertisch. Schulbänke drückten mich mehr, als dass ich sie redensartig drückte. Das liegt mittlerweile auch schon 43 Jahre zurück. Und nun sitze ich also in einem 136 Jahre alten Weddinger Schulhaus in der Pankstraße 47, dem schönen Heimatmuseum. So eng mir auch diese Volksschulbank wird, so fühllos werde ich gegen diese Enge, je mehr ich mich in früheste Schuljahre versenke und traumverloren Kindsfigur erlange. Alles um mich herum, jedes noch so kleine Stück, ist mir vertraut, rief mich zurück in Kinderjahre.

Hier sitze ich auf einer Zweierbank an durchgehendem Pult mit zwei Vertiefungen für die Federhalter und zwei Klapp-Deckelchen, unter denen kleine Fäßchen für die Tinte standen. Sie wurden aufgefüllt aus einer großen Flasche Schultintenextrakt, die im Klassenschrank – auch das ist hier zu finden – aufbewahrt wurden. Es gab Reihum- Dienste, damit stets Tinte da war. Zu meiner Schulzeit hatten die Bänke Klappsitze. Und wenn wir gehorsamst bei Eintritt des Lehrers aufsprangen, ließen wir es gehörig klappern. Je aufsässiger wir mit den Jahren wurden, desto ungehöriger wurde geklappert. Hier in Wedding sitze ich nun und möchte jeden Gegenstand aufschreiben, der teils in Vitrinen, teils auf Regalen ausgestellt ist. Will mich aber aufs Wenige beschränken, das über die Zeit seines Gebrauchs etwas sagt. Da klemmt in einer Ecke neben der Tafel hinterm Katheder ein Rohrstock, den wir einen gelben Onkel nannten, mit dem man den Hosenboden versohlt bekam, was der heutigen Generation geradezu als mittelalterliche Züchtigung erscheint. Ich kann mich keiner derartigen Demütigung erinnern, doch vieler Erniedrigungen, die ich in meinem nun gesättigten Berufsdasein sah.

Ich lasse Schiefertafeln, Fibeln, Federkästchen liegen, weil mich beschriftete Zettelchen hinter Glas anziehen. Es sind Entschuldigungsschreiben von Weddinger Müttern und Vätern, geschrieben so, wie sie sprachen. Und diese wenigen Zeilen zeigen viel: Sehr geehrter Herr Lehrer! Sie werden hiermit entschuldigen, das ich mein Sohn Heinz nicht zur Schule schicken konnte, da seine Schuhe entzwei waren und in den nicht Regen gehen konnte. Berlin, den 30. 10. 32.

Aus dem ersten Nachkriegswinter 1946 mit verheerendem Frost, zerstörten Häusern und jeglichem Mangel an Lebensmitteln, stammt der Entschuldigungszettel von Mutter Krause, die ihre Tochter Gerda nicht zur Schule schicken wollte, da wir nicht mehr Brot haben und andere Eßwaren kann sie nicht Stunden mit leerem Magen dasitzen. . .

Was sollte denn dem Kind Gerda in dessen Brottasche gesteckt werden, die Schulkinder umgehängt vorm leeren Bauch baumeln hatten? Kürzlich – vor der Einschulung 2002 – wurde mir auf der Domäne Dahlem von einer stadtweiten Aktion berichtet, die heutigen Schuleltern helfen sollte, aus der Fülle der Möglichkeiten ein gesundes Pausenbrot zu bereiten und dem Kind auf den Schulweg, der auch Lebensweg ist, mitzugeben. Nachhilfe im vernünftigen Umgang mit der Fülle, Nachhilfe für die Enkel und Urenkel jener, die Entschuldigungsbriefe wie jene zu schreiben gezwungen waren.

Das Klassenzimmer im Weddinger Heimatmuseum ist ein Ort, um sich zu vergegenwärtigen, was einmal war und durchaus geeignet ist, unsere gesättigte Gegenwart über Grenzen hinaus kritisch zu überdenken.

99 ZEILEN SCHWERK

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