Berlin : Notruf am Gürtel

Ein Kinderschutzverein will ab kommendem Jahr ein elektronisches Sicherheitssystem anbieten

-

Ein Spielplatz im Wald. Der sechsjährige Frank ist alleine, er wartet noch auf zwei Freunde. Plötzlich steht ein Mann vor ihm, der ihn fragt, ob er ihn nach Hause bringen soll. In diesem Moment tippt Frank an seinen Gürtel, seine Armbanduhr oder sein Handy. Und ein Funksender löst einen Notruf aus und zeigt an, wo sich der Junge gerade befindet. Binnen weniger Minuten kommt dem Jungen ein Sicherheitsdienst oder die Polizei zu Hilfe.

So jedenfalls stellt sich das der Childrens’s Security Club (CSC) vor. Denn der neu gegründete Verein mit Sitz in Berlin will ab Juni kommenden Jahres ein elektronisches Notrufsystem anbieten, das vor allem Kinder in Notlagen helfen soll. „Sendasign“ heißt dieses System, das derzeit noch entwickelt wird und in das die CSCVorstände große Hoffnungen setzen.

„Wir wollen in den ersten drei Jahren mindestens 150000 Mitglieder gewinnen“, sagt Ingo Chudoba, einer der Vorstände. So viele wären mindestens nötig, um das System bezahlen zu können. Umsonst wird es den elektronischen Schutz daher nicht geben: 100 Euro im Jahr soll die Mitgliedschaft im CSC kosten. Bis es soweit ist und das System in gut einem dreiviertel Jahr kommen kann, ist noch einige Überzeugungsarbeit zu leisten. Denn noch pendeln die Reaktionen von Polizei, Datenschützern und Kinderhilfevereinen zwischen vorsichtigem Lob und Vorbehalten.

„Grundsätzlich“, heißt es bei der Berliner Polizei, „sehen wir alles positiv, was der Sicherheit dient.“ Ob das System im Ernstfall aber wirklich helfe, Verbrechen zu verhindern, lasse sich jedoch nicht vohersagen: „Es gibt bisher kaum Erfahrung mit derlei Systemen“, sagt ein Sprecher. „Auch der Alarm in einer Bank hilft bei einem Überfall nur dann, wenn ein Bankangestellter den Mut hat, ihn auch auszulösen.“ Auch Kinderhilfsvereine loben die Idee, ein Sicherheitssystem auszuprobieren. Dass allerdings die neue Technik alleine Verbrechen verhindert, glauben sie nicht. „Man sollte zunächst einmal nicht allzu viel erwarten“, sagt etwa Karoline Becker, die Sprecherin der „Bundesarbeitsgemeinschaft mehr Sicherheit für Kinder e.V.“ (BAG). „Die Technik nimmt Eltern oder dem familiären Umfeld nicht die Aufsichts- und Erziehungspflicht ab. Und die ist aus unserer Sicht der beste Schutz gegen Verbrechen.“

Und Berlins Datenschutzbeauftragter steht elektronischen Ortungssystemen grundsätzlich erst einmal „mit einem gesunden Misstrauen gegenüber“, wie sein Sprecher Volker Brozio sagt. „Es kommt entscheidend darauf an, welche Daten aufgenommen werden und wie sie verschlüsselt sind.“ So sei ein dauerhaftes Signal, mit dem man jederzeit den Aufenthaltsort eines Kindes nachvollziehen kann, mit dem Datenschutzgesetz kaum vereinbar. „Auch dann nicht, wenn die Eltern vorher eine entsprechende Erklärung unterschrieben haben, die es erlaubt, den Datenschutz aufzuheben.“ Solch eine Erklärung will der CSC zur Bedingung für seine Mitglieder machen, um nicht in Konflikt mit Gesetzen zu kommen. Und schließlich, sagt Brozio, müsse sichergestellt sein, dass „all die Daten nicht von Menschen eingesehen werden können, für die sie nicht bestimmt sind“.

Eine Datenfundgrube für Kriminelle werde das Ortungssystem nicht werden, beteuert dagegen der Children’s Security Club. „Das System ist sicher“, sagt Vorstand Chudoba. „Wir senden und empfangen über Funkfrequenzen, die sonst nur von Polizei und Staatsschutz in Anspruch genommen werden dürfen.“ Allerdings steht noch nicht fest, welche Technik letztlich verwendet wird. mne

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar