Berlin : Notruf

2500 Klinikärzte demonstrierten für bessere Arbeitsbedingungen, 1000 aus der Charité streikten. Der Vorstand versteht sie – hat aber kein Geld

Ingo Bach

Ohne sie wäre der gestrige Protestmarsch von Klinikärzten aus ganz Deutschland weit weniger eindrucksvoll: Rund 1000 Charité-Mediziner – erkennbar an transparenten Schildern, die auf ihren Rücken klebten – füllten die Reihen der insgesamt rund 2500 Demonstranten, die durch Berlins Mitte zogen. Dass sie dazu Zeit fanden, lag am eintägigen Warnstreik, zu dem die Ärztegewerkschaft Marburger Bund die Berliner Universitätsmediziner aufgerufen hatte.

Denn gerade die jungen Charité-Ärzte sind zunehmend unzufrieden mit ihren Arbeitsbedingungen. Überlange Dienste und schlechte Bezahlung treiben sie auf die Straße. Nachtarbeit und Bereitschaftsdienste sollen bezahlt werden, fordern sie. Derzeit erhielten Assistenzärzte an der Charité einen Stundenlohn von 14 Euro, rechnet die Ärzteinitiative der Charité vor. Sie leisteten monatlich 85000 unbezahlte Überstunden. Rechnerisch seien das 500 zusätzliche Stellen. Klinikmanager kalkulieren mit durchschnittlich 55000 Euro Lohnkosten pro Jahr für eine Medizinerstelle. Für 500 Ärzte müsste die Charité also mindestens 27 Millionen Euro aufbringen. Illusorisch für ein Krankenhaus, das ab 2010 mit jährlich 246 Millionen Euro weniger auskommen soll als zurzeit. Im Gegenteil: Das Klinikum müsse bis 2010 sogar rund 300 von jetzt 2231 Arztstellen abbauen, sagt Vorstandschef Detlev Ganten.

Dennoch sehe man die Forderungen der Assistenzärzte mit viel Sympathie, sagt Ganten. „Aber es ist zu wenig Geld im System.“ Die Klinikfinanzierung, nach der die Krankenkassen nicht mehr pro Liegetag eines Patienten zahlen, sondern bundesweit einheitliche Pauschalen pro Krankheit, biete den Universitätskliniken mit ihren meist sehr aufwändigen, komplizierten Fällen nicht genug Honorar. „Dieses Manko müssen Politik und Kassen beheben.“

Auch die Befristung ihrer Verträge ist für die Ärzte schwer akzeptabel. Viele von ihnen hangeln sich von Jahresvertrag zu Jahresvertrag. Nun fordern sie, dass die Verträge wenigstens so lange laufen, wie die Ausbildung zum Facharzt dauert – also mindestens fünf Jahre. „Für die meisten Ärzte an der Charité wird es weiter befristete Verträge geben“, sagt Ganten. „Wir sind eine Ausbildungsstätte, die meisten Assistenzärzte wechseln nach einigen Jahren an andere Krankenhäuser.“

Entgegenkommen signalisiert der Vorstand bei der Forderung der Ärzte, ihre Arbeitszeiten zu registrieren. „Die genaue Erfassung der Arbeitszeiten liegt in unserem Interesse“, sagt Charité-Klinikumsdirektor Behrend Behrends. Stechuhren – wie von den Assistenzärzten vorgeschlagen – sieht der Vorstand aber skeptisch. Man wolle dieses Problem eher mit EDV-gestützten Dienstplänen lösen.

Nicht nur der Charité-Vorstand hat Verständnis für seine Jungärzte. In den vergangenen Tagen äußerten auch Verbandsfunktionäre und Politiker Sympathie für die Proteste. Doch den Ärzten reicht das nicht: „Wir brauchen kein Mitgefühl, sondern einen Tarifabschluss.“

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