Notstand Kinderbetreuung : Eltern zum Anfassen

Es gibt zu wenig Betreuungsplätze für Kinder in Deutschland. Drei Mütter in Köpenick denken: Lasst uns selbst eine Kita aufmachen! Da ahnen sie noch nicht, worauf sie sich einlassen.

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„Mein persönlicher Flughafen“. Danuta Szkibik und Dörte Metke (v. li.) in dem, was einmal ihre Kita werden soll.
„Mein persönlicher Flughafen“. Danuta Szkibik und Dörte Metke (v. li.) in dem, was einmal ihre Kita werden soll.Foto: Georg Moritz

Nach und nach treten sie ein, junge Paare mit Säuglingen auf dem Arm, Mütter mit Kleinkindern an der Hand, Großväter mit Enkeln auf dem Rücken. Schauen sich um in dem großen kahlen Raum, stoßen an Klötze mit gelbem Dämmmaterial, lehnen sich an raue Betonwände.

„Alles, was wir tun konnten, haben wir getan. Der Rest hängt leider von Menschen ab, die wir nicht befehligen können“, sagt eine Frau mit langem grau-blondem Haar. Sie steht in der Mitte des Raumes, vor ihr ein Tapeziertisch, darauf Lebkuchen, Spekulatius und Thermoskannen mit Kaffee. Es ist kurz vor Weihnachten 2012. Danuta Szkibik zeigt die Räume, in denen bald, hoffentlich sehr bald, die Kindertagesstätte „Rabenkinder“ eröffnen soll. Im Moment ist das hier noch eine Baustelle, ohne Decken, ohne Böden. Szkibik will heute Eltern finden, die aus der Baustelle eine Kita machen, also ihren Kindern selbst einen Platz schaffen.

Sie wären damit eine von mehr als 2100 Kindertagesstätten, selbst verwaltete Kinderläden wie ihrer machen zehn Prozent des Berliner Betreuungsangebots aus. Seit mehr als 40 Jahren gibt es sie, Eltern dürfen wählen, ob ihre Kinder von kommunalen, kirchlichen oder eben freien Trägern betreut werden.

Wie auch immer sie sich entscheiden: Es gibt viel zu wenig Plätze. Allein Berlin muss bis 2017 laut Schätzungen 19 000 schaffen, deutschlandweit braucht es etwa 780 000. Ab 1. August haben Eltern Anspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder, die das erste Lebensjahr vollendet haben. Bislang gab es den erst nach dem dritten Geburtstag. Das bedeutet, immer weniger Plätze für immer mehr Kinder.

Das gilt auch für Köpenick, wo Danuta Szkibiks vierjähriger Sohn Enno jetzt durch den Flur springt, dabei ein erfundenes Lied trällert, einem Baby im rosa Schneeanzug auf die Nase tippt und Eltern verzweifelt fragen: Wie wahrscheinlich ist es, dass wir einen Platz bekommen?

Auch Enno braucht einen Platz, weil die Stadt nicht genügend geeignete anbietet. Seine Mutter und zwei Freundinnen hatten deshalb die vernünftige Idee, lasst uns selbst eine Kita gründen. Sie wussten, dass so etwas kompliziert ist. Über ein Jahr ist es her, dass sie diese Entscheidung trafen. Danuta Szkibik, 37, vier eigene Kinder, drei des Mannes, „mit dem Haushalt komme ich kaum hinterher“, Dörte Metke, ein Sohn, Zusatzausbildung zur Montessori-Pädagogin, und Lara Wintzer, 30, bekommt das zweite Kind, schickten einen Brief an die Kitaaufsicht des Senats. Den Brief öffnet Frau Huth.

Petra Huth, 57, ist zuständig für mehr als 200 Kitas in Treptow-Köpenick und Neukölln. Jeden Tag bekommt sie solche Briefe, in der Hälfte der Fälle, schätzt sie, wird nichts draus. Am 20. Februar lernen die Gründerfrauen Frau Huth kennen. Die sitzt in einem hässlichen Gebäude am Alexanderplatz, neigt den Kopf zur Seite und betrachtet die Frauen. 17 Jahre hat sie selbst als Erzieherin gearbeitet. Dann beginnt sie mit singendem Tonfall zu fragen. Klingt sanft, täuscht aber.

„Die hat uns zerpflückt“, sagt Dörte Metke. „Quatsch, die wollte doch nur wissen, ob wir bekloppt sind. Jetzt ist sie unsere Freundin“, sagt Szkibik.

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