NS-Gedenken in Berlin : Über Stolpersteine und den Umgang mit Holocaustopfern

„Viele Angehörige wollen für das Gedenken zahlen“, sagt Petra Zwatka vom Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg.

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Ein Strauß weißer Rosen für verfolgte Berliner Richter während der NS-Zeit.
Ein Strauß weißer Rosen für verfolgte Berliner Richter während der NS-Zeit.Foto: Britta Pedersen/dpa

Frau Zwaka, Ihr Bezirksamt ist von Angehörigen der von den Nazis ermordeten Berlinerin Claire Lambertz öffentlich kritisiert worden. Eine ihrer Mitarbeiter soll den Verwandten mitgeteilt haben, dass sie für einen Stolperstein zum Gedenken an das Opfer erst einmal 120 Euro zu zahlen hätten. Stimmt das?

So weit ich weiß, spielte das Thema Geld in dem Gespräch keine Rolle, sondern eher die lange Wartezeit bis zur Verlegung des Steins. Meine Kollegin, die sich sehr für die Betreuung von Holocaust-Opfern engagiert, war sehr bestürzt über die Vorwürfe. Generell ist es aber tatsächlich so, dass der Künstler Gunter Demnig 120 Euro für einen Stein berechnet.

Ist es nicht mehr als taktlos, von den Angehörigen der jüdischen und anderer Opfer diese Zahlung zu verlangen?

Man könnte es so sehen. Deshalb fragt meine Kollegin immer, ob das in Ordnung ist oder ob sie versuchen soll, eine andere Form der Finanzierung zu finden. Ursprünglich ging ja die Initiative für die Stolpersteine nicht von Angehörigen aus. Das hat sich inzwischen völlig verändert.

Inwiefern?

Demnigs „Stolpersteine“ waren anfangs als Gedenkprojekt gedacht, das auf bürgerschaftlichem Engagement beruhen und eben kein verordnetes Gedenken „von oben“ sein sollte. Es ging von Bürgerinnen und Bürgern aus, die sich auf diesem Weg mit ehemaligen jüdischen Bewohnern in ihrem Kiez, ihrer Straße, ihrem Haus beschäftigten. Dazu gehörte neben Recherchen und Begegnungen mit Angehörigen der Opfer auch ein finanzieller Beitrag, der an den Künstler ging.

Und das ist heute nicht mehr so?

Zum Teil ist es natürlich auch heute noch so, aber in den vergangenen Jahren haben sich immer mehr Angehörige gemeldet, für die das Verlegen eines Stolpersteins eine ganz persönliche Sache ist. Es gibt ja für die meisten Holocaust-Opfer keine individuellen Grabsteine und der Stolperstein an jenen Orten, wo sie wohnten, übernimmt quasi diese Funktion. Die meisten der Angehörigen reagieren sogar beleidigt, wenn sie diesen Gedenkstein nicht selbst bezahlen dürfen. „Wir wollen das doch nicht vom deutschen Staat als Almosen erhalten“, heißt es oft.

Sind es wirklich so viele Angehörige?

Im Bezirk Tempelhof-Schöneberg kommen inzwischen etwa 70 Prozent der Stolpersteinbestellungen von Verwandten der Opfer aus aller Welt. Für sie übernehmen meist Ehrenamtliche die Recherchen. Der Förderverein unseres Regionalmuseums begleitet das Projekt seit 2003 und sammelt auch Spenden, um jenen die Verlegung eines Stolpersteins zu ermöglichen, die es sich finanziell nicht leisten können. Weil das Interesse so gewachsen ist, hat Tempelhof-Schöneberg vor etwa einem Jahr als bislang einziger Bezirk eine halbe Stelle zur Unterstützung von Seiten der Verwaltung eingerichtet.

Trotzdem gibt es lange Wartezeiten.

Ja – und lange Wartelisten, aber das hat weniger mit dem Bezirksamt als mit dem großen Anstieg der bestellten Steine zu tun. Auch wir bedauern das, aber es gibt nur ein äußerst begrenztes Kontingent an Steinen vom Künstler, das in Berlin jährlich verlegt werden kann. Er fertigt ja alle Steine in Handarbeit.

Stolpersteine: Es waren eine und einer und eine und einer und noch einer ...
Sie waren Nachbarn - in der Jenaer Straße im Bayerischen Viertel: Hier wohnte Leonhard Wohl, hier wohnte Cara Wohl - beide von den Nazis ermordet in Auschwitz.Weitere Bilder anzeigen
1 von 32Foto: Mike Wolff
28.04.2014 14:15Sie waren Nachbarn - in der Jenaer Straße im Bayerischen Viertel: Hier wohnte Leonhard Wohl, hier wohnte Cara Wohl - beide von den...

Können Sie konkrete Zahlen nennen?

Wir haben seit 2003 in Tempelhof-Schöneberg über 800 Steine verlegt. Aktuell sind 85 auf der Warteliste, wir werden aber 2017 nur etwa 40 verlegen können.

Geht es nach der Reihenfolge?

Ja, wir behandeln aber die Bestellungen von Angehörigen bevorzugt, da es sich oft um hochbetagte Menschen handelt.

Für die das Verlegen eines Steins sicher besonders wichtig ist, oder?

Ja sehr. Deshalb müssen die Recherchen auch besonders sorgfältig sein. Wir haben schon Fälle erlebt, wo der Stolperstein wegen straßenbaulicher Erwägungen nicht vor dem richtigen Wohnhaus, sondern zehn Meter weiter verlegt wurde. Das ist für viele Angehörige nicht hinnehmbar und fügt ihnen sogar weiteren Schmerz zu.

Was halten Sie davon, dass das Land die Finanzierung der Steine übernimmt?

Nichts. Es geht – wie gesagt – bei den Stolpersteinen ja gerade um bürgerschaftliches Engagement und nicht um staatlich verordnetes Gedenken.

Und eine Aufwandsentschädigung für Ehrenamtliche?

Das muss man von Fall zu Fall entscheiden. So haben sich unsere Ehrenamtlichen kein Geld, sondern Hilfe bei der Koordination und Organisation gewünscht.

Und wie werden Sie im konkreten Fall der Angehörigen von Claire Lambertz weiter verfahren?

Ich werde mich sehr schnell um ein Gespräch bemühen, damit eventuelle Missverständnisse geklärt werden können.

Petra Zwaka leitet den Fachbereich Kunst, Kultur, Museen und die Museen Tempelhof-Schöneberg, die sich mit Ehrenamtlichen um das Verlegen von Stolpersteinen kümmern.

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