NS-Vergangenheit : Richtfest an der Topografie des Terrors

Der erste Versuch war nicht zu bezahlen und bautechnisch riskant: Das neue Dokumentationszentrum der Topografie des Terrors machte anfangs nur Negativschlagzeilen. Doch nun gibt es eine gute Nachricht. Am Montag war Richtfest für das Haus, das im zweiten Anlauf völlig umgeplant wurde.

Stefan Jacobs
Topografie des Terrors Foto: Mike Wolff
Historischer Ort. Unmittelbar neben dem Gelände, auf dem zur Nazi-Zeit gefoltert und gemordet wurde, verläuft die ehemalige...Foto: Mike Wolff

Auf den ersten Blick könnte er auch eine Schulmensa werden, dieser flache einstöckige Quader, dessen Rohbau auf der Brache neben dem Martin-Gropius-Bau im Nieselregen steht. Offensichtlich ist schon jetzt der Kontrast zu Peter Zumthors Treppentürmen, den Steinen auf dem Millionengrab. 1993 hatte der Schweizer Architekt den Wettbewerb für die „Topografie des Terrors“ gewonnen, 2004 wurde der für unbezahlbar und bautechnisch riskant befundene Rohbau abgerissen und der Wettbewerb neu gestartet. Heraus kam der Flachbau mit Ausstellungsflächen im Parterre und Platz für Bibliothek und Konferenzraum im Souterrain, für den nun an diesem Montagmittag Richtfest gefeiert wird.

„Wir sind alle sehr froh, dass wir heute hier stehen dürfen“, sagt Ingeborg Berggreen-Merkel, Abteilungsleiterin beim Kulturstaatsminister, ohne die Anspielung zu vertiefen. Andreas Nachama, der Geschäftsführende Stiftungsdirektor, merkt süffisant an, die Stiftung habe „noch nie ein Richtfest gefeiert“ und kommt dann auf die weltpolitische Bedeutung des Ortes zu sprechen: Hier könne jeder sehen, wohin verblendetes Weltmachtsgehabe im schlimmsten Fall führe, sagt er. Eine Lehre dieses Ortes, der bis 1945 die Zentrale von SS und Gestapo war, sei: „Polizei muss demokratisch kontrolliert werden.“ Nachama belässt es dabei – wohl im Bewusstsein, dass die von hier betriebene Mordmaschinerie der Nazis auch mit mehr Worten schwer zu beschreiben wäre. Stattdessen sagt er: „Auf Wiedersehen zur Eröffnung am 9. Mai 2010.“
Der Eröffnungstermin zum 65. Jubiläum der Befreiung gilt nunmehr als sicher; auch am Kostenrahmen – 22 Millionen fürs Gebäude plus vier Millionen für die Ausstellung – zweifelt offiziell niemand. Und mit einer halben Million Besucher pro Jahr ist die Ausstellung schon jetzt, als Provisorium, eine der bedeutendsten der Stadt.

Kulturstaatssekretär André Schmitz erinnert daran, dass weder eine Behörde noch ein Parlament einst den Anstoß zu dieser Gedenkstätte gaben, sondern dass es eine Bürgerinitiative war, die bereits zum 750-jährigen Stadtjubiläum 1987 den Bau initiierte. Damals befand sich der heute so zentrale Ort in einer abgelegenen Ecke West-Berlins. Nachama wird später sinnieren: „Wenn man sich das vorstellt, dass auf diesem historisch kontaminierten Gelände über Jahrzehnte so eine Übungsfläche für Autofahrer ohne Führerschein war…“ und den Halbsatz so stehen lassen. Der neue Zweckbau sei „eigentlich genau das, was wir haben wollten“, über Zumthors Projekt mag Nachama jetzt nicht mehr urteilen.
Bei der Stadtentwicklungsverwaltung heißt es auf Nachfrage, die Trennung von Zumthor sei „konsensual“ und „fair von beiden Seiten“ verlaufen. Der Architekt habe Geld für seine Planungsleistungen erhalten, zu Zumthors zeitweise erwogener Schadensersatzklage über eine Million Euro sei es nicht gekommen.

Zum Schluss der Feier trägt der Polier oben auf dem Gerüst eine längere Reimerei vor, die Begriffe wie „Termintreue“, „Sichtbeton“ und „Tragwerk“ enthält. Dann wird der Richtkranz gehisst, Musik erklingt. Als der Polier ein Glas zur Taufe ans Gebäude wirft, trägt der Wind sein Manuskript von dannen. Hinter den Panoramafenstern wird der Richtschmaus – wahlweise Schweine- oder Rinderbraten oder Haxe – aufgetragen. Der Anfang vom guten Ende einer langen Geschichte.

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