Berlin : Nun steht er auf der anderen Seite

Rainer W. During

Gregor Gysi kommt von rechts. Gleich vier Bodyguards eskortieren den neuen Wirtschaftssenator, als er zu seinem Auftritt vor das Rote Rathaus eilt. Doch die Personenschützer haben nichts zu tun, Demonstranten und Politiker schmieden eine große Koalition gegen den geplanten Abbau von mindestens 150 Jobs beim Traditionsunternehmen Borsig.

Der PDS-Mann will sich gleich zu den 200 Protestierenden stellen. Die Begleitung weist ihn dezent darauf hin, dass sein Platz jetzt auf der anderen Seite des Absperrgitters ist. Während die Gewerkschaftsvertreter ihre Protestreden beginnen, wirkt der offenbar frierende Senator, der die Hände tief in den Taschen seines dunkelblauen Mantels vergraben hat, eher unscheinbar. Rot sind nur die IG Metall-Mützen der Demonstranten und der Schal von Parlamentspräsident Walter Momper (SPD).

Gysi, der selbst zu den Argumenten der CDU-Politiker brav applaudiert, raucht schnell noch eine Zigarette. Dann landet die Kippe auf der Rathaustreppe. Betriebsrat Peter Schrader überreicht dem Senator eine Mini-Lokomotive, auf dass er der Konzernleitung richtig Dampf mache. Als er ans Mikrofon tritt, wächst der PDS-Politiker zu seiner rhetorischen Größe, gibt sich ebenso kämpferisch wie realistisch. "Juristische Mittel habe ich nicht", gibt er zu. Als der Senat vor vier Jahren einen Teil des Borsiggeländes von Industrie- in Wohnbaufläche umwandelte, hatte das Unternehmen im Gegenzug zwar die Erhaltung der Jobs versprochen. Doch auf eine schriftliche Fixierung wurde damals nicht bestanden. Das werde es bei ihm nicht geben, kündigt der PDS-Politiker Gysi an.

Einer Beschwerde gegen die Vergabe von EU-Mitteln für die Neuansiedlung der Produktion in Spanien räumt der Senator dagegen gute Chancen ein. Dafür und für seine Forderung nach einer Harmonisierung der Löhne und Steuern in der EU erntet er kräftigen Beifall. Später im Interview gibt Gysi zu, dass auch die eigene Behörde vom Stellenabbau gebeutelt ist und nicht einmal mehr über einen Juristen verfüge. Bei seinen neuen Mitarbeitern hat er mehr Distanz erwartet und erstaunliche Aufgeschlossenheit gefunden, berichtet der PDS-Mann.

Schützenhilfe erhält er bei seiner öffentlichen Premiere als Senator auch von Marlies Wanjura (CDU), obwohl sie ihm mit ihrem stimmgewaltig-engagierten Redebeitrag fast die Show stiehlt. "Herr Gysi, die Kleinen sind die Größten", versichert ihm die ebenfalls nicht gerade hochgewachsene Bürgermeisterin aus Reinickendorf.

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