Berlin : Nur am Grabbeltisch ist noch Betrieb

Die Traditionsbuchhandlung Kiepert gibt endgültig auf. Der letzte Rettungsversuch ist gescheitert

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Von Tobias Arbinger

Immer wieder bilden sich kleine Trauben vor der Ladentür in der Knesebeckstraße. „Schlimm“, sagt ein junger Mitarbeiter der Technischen Universität. „Ich bin entsetzt“, eine Architektin: „Ich dachte, das lässt sich noch irgendwie regeln.“ – „Ich bin fassungslos“, sagt eine andere Frau. Für viele Kunden war Kiepert die Berliner Buchhandlung schlechthin. Der Laden mit der größten Auswahl an Fachbüchern. Eine Institution.

Viele hatten gehofft, dass die Insolvenz des wirtschaftlich darniederliegenden Familienunternehmens noch abzuwenden wäre. Doch am Freitag kam das Aus: „Wegen Geschäftsaufgabe hat die Buchhandlung Kiepert ab Samstag, dem 21.9., geschlossen“, heißt es auf Zetteln an den Türen. Und: „ Wir möchten uns bei Ihnen herzlich für Ihre jahrzehntelange Treue bedanken.“ In den vergangenen Jahren ging es mit dem 1897 gegründeten Unternehmen bergab. Mitte Juli musste Kiepert Insolvenz anmelden. Eine letzte Hoffnung gab es noch zum Schluss: Die Fachbuchhandlung für Recht und Steuern, Struppe & Winckler, zeigte Interesse, mit Kiepert zusammenzuarbeiten. Diese Verhandlungen sind „unmittelbar vor Abschluss nun endgültig gescheitert“, teilte die Insolvenzverwalterin Petra Hilgers von der Kanzlei Schwoerer & Kollegen mit. Auf einer kurzfristig einberufenen Mitarbeiterversammlung wurden die verbliebenen 117 Angestellten des Kiepert-Haupthauses am Freitagnachmittag über das Ende informiert, darunter drei Auszubildende. Ihnen wird am 1. Oktober gekündigt. Etwa zehn Leute sollen etwas länger bleiben, zum Aufräumen.

Nur an den Grabbeltischen von Kiepert an der Hardenbergstraße herrscht noch reger Betrieb. Dort ist Ausverkauf. Nur die Haupthalle des Geschäfts ist noch zugänglich, dort können Kunden noch die letzten bestellten Bücher abholen. Regale und Verkaufstische sind jedoch bereits leergeräumt. In den benachbarten Abteilungen für Reisebücher und Belletristik ist das Licht ausgeschaltet. Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Lesungen Salman Rushdies, Alice Schwarzers und T.C. Boyles an einer Wand erinnern an die guten Tage. „Es ist alles zu, der Laden ist geschlossen“, sagt eine Verkäuferin zu einem Kunden. Mehrere hundert Mal hat sie diesen Spruch heute schon wiederholt.

„Zwischen ganz entsetzt, böse, wütend und nur fassungslos“, sei die Stimmung der Belegschaft, sagt die Verkäuferin. Einige Beschäftigte machten ein angeblich unprofessionelles Wirtschaften der Geschäftsführung für die Misere mitverantwortlich. „Wir haben zu schnell zu viele Filialen hochgezogen“, sagt die Frau. Acht Außenstellen waren es zum Schluss, ein Teil ist ebenfalls geschlossen oder insolvent. Zwei Filialen wurden an die Buchhandelskette Thalia verkauft. Es gibt aber sicherlich noch andere Erklärungen: Die zunehmende Konkurrenz, zum Beispiel durch Dussmann und Hugendubel, und die allgemeine Konsum-Zurückhaltung. „Der Buchbranche geht es nicht gerade rosig“, sagt Albrecht Wagner vom CD-Laden „L & P-Musics“, der bei Kiepert in der ersten Etage als Untermieter saß. Sein Geschäft wird nun vorerst in die Haupthalle ziehen.

Die Kundschaft nimmt regen Anteil an der Misere. „Seit die Insolvenz läuft, habe ich unheimlich viele persönliche Stellungnahmen erhalten“, sagt die Verkäuferin. „Viele Kunden sind extra gekommen, um Kiepert retten zu helfen.“ Vergeblich.

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