Berlin : Nur an Schlüters Stierschädel versagt die Restauratorenkunst

Einfach irgendwo anfangen: An den Fenstern fürs Stadtschloss wird schon gearbeitet

Holger Wild

Sie handeln noch immer im Auftrag ihres Souveräns, doch der ist nicht länger ein Kurfürst oder König, sondern das Volk selbst. Der Auftrag ist nahezu der gleiche, wie ihn 1698 Kurfürst Friedrich III. seinem Baumeister Andreas Schlüter erteilte: Bau er mir ein Schloss! Am 4. Juli 2002 entschied der Bundestag, stellvertretend fürs Volk: Dieses Schloss, zumindest die Fassade, möge wieder errichtet werden. Bis es so weit ist, wird noch viel Zeit vergehen. Doch einige Männer haben einfach schon mal angefangen.

Eine nackte Baracke im Norden von Pankow, kaum größer als eine Garage. Hier hat der Bildhauermeister und Diplomrestaurator Carlo Wloch seine Werkstatt. An der Wand Skulpturen, das Haupt eines Rotarmisten, eine Bismarck-Büste. Wloch kniet im weißen Kittel vor einem hüfthohen Block aus Gips und Gasbeton, bearbeitet ihn mit Hammer und Meißel, schlägt, kratzt, schabt. Auf der anderen Seite feilt sein Lehrling Robert Pries herum. Einen Bogen wie eine Steilkurve, mit Stufen da und dort, haben sie aus dem Block gehauen. Daraus entsteht einmal der Schweifgiebel über dem zweiten Fenster westlich des Portals IV im ersten Stock der Lustgarten-Fassade des Schlosses. Das erste Teilstück für den Wiederaufbau. Gemacht nach alter Väter Art – und mit Hilfe neuester Computertechnik.

„Wir wollen zunächst ein Musterfenster des Schlosses herstellen – Schlüter-Urtyp, gewissermaßen, als Vorlage für die Steinmetze, die jedes einzelne Fenster dann von Hand aus sächsischem Sandstein hauen“, sagt Rupert Stuhlemmer. Im Büro des Architekten, das er zusammen mit seinem Sohn York führt, entstehen die Pläne für Wloch. Denn das ist das große Problem, wenn man die Fassade wieder aufbauen will: Die originalen Zeichnungen mit den Maßen für Höhen, Breiten und Tiefen sind verloren gegangen. Deshalb lautet eines der zentralen Argumente der Gegner der Rekonstruktion: Es sei gar nicht möglich, die Schlossfassade originalgetreu wiederaufzubauen. Dabei komme nur ein Trugbild heraus: „Disneyland“.

Doch über die Wand in Wlochs Atelier spannt sich ein Aufriss des Giebels in Originalgröße und mit Maßangaben, daneben hängt ein verkleinerter Plan des gesamten Fensters. Beide sind Stuhlemmers Werk: „Der Beweis, das es geht, die 1950 zerstörte Fassade so wieder herzustellen, wie sie vor dem Krieg gewesen ist.“ Das heißt auch, mit allen Fehlern, Ungenauigkeiten, Beschädigungen. Kein Fenster, keine Girlande, kein Giebel des Schlosses sah ja haargenau aus wie die anderen. Alle waren Handarbeit und hatten ihre Geschichte.

Und Handarbeit wird es wieder sein. Zunächst die von Wloch und seinen Gehilfen. Während der Bildhauer und sein Lehrling sich mit der Krümmung des Giebels plagen, immer wieder einen hölzernen Winkel, die Schablone mit dem Profil des Giebels, über die „Steilkurve“ ziehen und Gips abhauen, wo sie stockt, hat es sein Stukkateur leichter: Karl Biedermann ist für die rechtwinkligen Seitenstücke des 3,44 Meter langen Fensterschmucks zuständig. Er steht an einem langen Tisch, trägt eine Schicht frisch angerührten Gips auf und zieht mit einer ähnlichen Schablone das überschüssige Material ab. Später wird sein Werk mit Wlochs Bogen einfach zusammengesetzt.

Anschließend wird eine Kommission von vier Schlossexperten über die Feinheiten diskutieren, über Verfugung, Oberflächenbehandlung usw. „Das Modell entwickelt sich weiter“, sagt Wloch. Erst wenn es für „gültig“ erklärt ist, wird es in Sandstein gehauen – und dient dann als Muster für alle übrigen Schweifgiebel des Schlosses, die mittels „Punktierung“" exakt nachgehauen werden können. Nicht anders ist unter Schlüter verfahren worden.

Aber woher kennt Wloch überhaupt die Maße, wenn doch alle Pläne verloren sind? „Es gibt zahlreiche, gestochen scharfe, sehr detaillierte Fotografien des Schlosses“ erklärt Stuhlemmer. „Die wurden in einem aufwendigen Verfahren im Computer perspektivisch entzerrt, so dass das ganze Schloss in Draufsicht abgebildet werden kann.“ Wie damals bei der Zelt-Imititation von Wilhelm von Boddien – nur viel genauer. Jede Kerbe, die irgendwann einmal in ein bestimmtes Gesims geschlagen wurde, wäre auf den halben Zentimeter genau in Größe und Lage erkennbar. Dieses „fotometrische“ Verfahren lieferte auch die Maße; kontrolliert und korrigiert wurden sie anhand einer erhaltenen Maßzeichung einer Fensterachse von 1880 und eines „Standardreparaturplans“ der Schlossverwaltung. „Dann haben wir die Maße in die damals gebräuchlichen preußischen Fuß und Zoll umgerechnet, um die originalen Rundungsfehler nachvollziehen zu können", sagt Stuhlemmer.

Genau so wird in Wlochs Werkstatt auch der Rest des Fensters entstehen, mit Gesims, Gewände, Verdachung – insgesamt 7,274 Meter hoch. Nur eines können sie so nicht nacharbeiten: das „Bukranion“. Der schmückende Stierschädel direkt unter dem Giebel, dessen Ur-Bild aus Schlüters eigener Hand stammt, „ein genuin bildhauerisches Kunstwerk, an dem unsere Methode versagen muss“, sagt Stuhlemmer. „Da suchen wir noch ein Originalstück – und wir werden es finden.“ In den Schuttbergen, wo 1951 die Trümmer des gesprengten Schlosses abgekippt wurden.

Dennoch: Wenn im Frühjahr das Fenster fertig ist, dann soll es auch in Serie gehen. Auf dem Schlossplatz, wo der Verein Berliner Stadtschloss um Wilhelm von Boddien, der schon die jetzigen Arbeiten zahlt, und die Berliner Steinmetz- und Bildhauerinnung eine Bauhütte einrichten wollen. Eine öffentliche Bildhauerwerkstatt, in der Lehrlinge an ihren Prüfungsstücken arbeiten: Fassadenteile des Schlosses. Um damit auch zu beweisen: Es geht doch.

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