Berlin : Nur beim letzten Signal sollte er halten

Prozess gegen U-Bahn-Fahrer, der auf einen anderen Zug prallte. Er hatte Anweisung, Rotzeichen zu ignorieren

Klaus Kurpjuweit

Als der Fahrer den Zug sah, der über eine Weiche auf sein Gleis fuhr, war es zu spät. Trotz einer Schnellbremsung konnte er den Zusammenstoß am 25. März 2003 am U-Bahnhof Kurt-Schumacher-Platz der U 6 nicht mehr verhindern. Weil sich mehrere Fahrgäste verletzt hatten, muss sich der Fahrer am Freitag wegen fahrlässiger Körperverletzung vor Gericht verantworten. Er hatte ein Rot zeigendes Signal ignoriert, was die BVG wenige Tage nach dem Unfall als „Blackout“ bezeichnet hatte. Die Alleinschuld sah – und sieht – die BVG bei dem Fahrer.

Dabei musste der Mitarbeiter auf seiner Tour auf Anweisung seiner Vorgesetzten vorher bewusst an mehreren Rot zeigenden Signalen vorbeifahren. Nur an einem, an dem dann der Unfall passierte, hätte er halten müssen. Dieses Signal war nach Angaben von Gregor Lethen, der den Fahrer als Anwalt vor Gericht vertritt, jedoch nicht besonders gekennzeichnet.

Nach Ansicht von Lethen gehörten deshalb auch die Vorgesetzten auf die Anklagebank. Der Anwalt hatte die Staatsanwaltschaft deshalb aufgefordert, nicht gegen den Fahrer als letztes und schwächstes Glied der Kette allein zu ermitteln. Angeklagt worden ist aber nur der Fahrer.

Wegen Gleisbauarbeiten hatte die BVG an jenem Tag, wie häufig praktiziert, einen so genannten Pendelbetrieb eingerichtet. Der Pendelzug fuhr zwischen den Stationen Holzhauser Straße und Kurt-Schumacher-Platz immer auf dem gleichen Gleis hin und her. Technisch bedingt waren alle Signale auf Rot gestellt; die normale Signalisierung war außer Betrieb. Am Morgen waren die Fahrer für diese besondere Situation mündlich eingewiesen worden und hatten den Auftrag erhalten, die Rot zeigenden Signale zu ignorieren – bis auf das Einfahrsignal vor dem Bahnhof, für das das Haltzeichen galt. Die Einweisung sei von dem Fahrer „klar und verständlich“ aufgenommen worden, erklärte die BVG hinterher. Fragen habe es nicht gegeben.

Normalerweise werden die Züge automatisch gebremst, wenn sie an einem Halt zeigenden Signal vorbeifahren. Um die Zwangsbremsung zu vermeiden, müssen die Fahrer die Sicherheitsautomatik per Knopfdruck ausschalten, was nur in Ausnahmefällen gestattet ist. Weitere Sicherungen gibt es dann nämlich nicht mehr. Bei menschlichem Versagen kann es zwangsläufig zu einem Unfall kommen.

Unmittelbar nach dem Unfall reagierte die BVG deshalb auch: Bis auf Weiteres mussten alle Züge bei Pendelfahrten oder bei Fahrten auf dem linken, „falschen“ Gleis mit einem zweiten Mitarbeiter im Führerstand besetzt werden, der zusammen mit dem Fahrer die Signale beobachten und bei Gefahr auch die Notbremse betätigen muss. Für den Fahrer des Unglückszuges kam diese Anweisung zu spät. Inzwischen hat die BVG ein neues System eingeführt.

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