Berlin : Nur der Berliner wundert sich (Glosse)

Gerd Nowakowski

Nicht auszudenken, das Brandenburger Tor stünde nicht schon seit 1791 dort, wo es hingehört, sondern die Bundesregierung hätte einen Wettbewerb für ein Tor als besonders großzügiges Geschenk an die lieben Einheits-Deutschen ausgelobt. Der damalige Architekt Carl Langhans könnte jedenfalls von seinen heutigen Zunftkollegen einiges lernen, wie man mit den Ergebnissen von Architekten-Wettbewerben umgeht.

Nehmen wir beispielsweise den Umbau des Reichstags. Sir Norman Foster schlug einst vor, dem Reichstag die Kuppel wegzuschlagen und den ganzen Bau unter ein transparentes Riesendach zu stellen. Die Jury war begeistert, Foster gewann den Wettbewerb und durfte bauen. Was aus der Idee geworden ist, kann man jetzt jeden Tag bestaunen. Das tut insbesondere der spanische Architekt Calatrava, der mit genau solch einer Kuppel im Wettbewerb antrat - und verlor.

Gleiches erleben wir dieser Tage beim Olympiastadion. Da werden die Konkurrenten im Architekten-Wettbewerb mit dem netten Einfall aus dem Feld geschlagen, mobile Tribünen bis an den Rand des Fußballfelds zu schieben. Und nun? Pustekuchen. Von fahrbarer Tribüne ist plötzlich keine Rede mehr, alles wird umgeplant. Doch gewonnen ist gewonnen, dürfen die Architekten frohlocken. Nur der Berliner wundert sich. Welch Glück, dass Ende des 18. Jahrhunderts die Architekten noch nicht so clever waren. Da wurde noch geliefert wie bestellt. Sonst wäre womöglich Langhans auf die Idee verfallen, beim Brandenburger Tor die Jury mit einer Siegesgöttin auf einem flotten Vierspänner zu betören und anschließend darauf zu verzichten.

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