Berlin : Nur die Post ist noch geteilt

Steinstücken war Symbol für die eingemauerte Stadt– heute erinnert nur noch wenig daran

Babette Kaiserkern

Um 9 Uhr früh bringt der Berliner Postbote die Post zu den Häusern auf der einen Seite der Steinstraße und der Rote-Kreuz-Straße. Drei Stunden später fährt die Potsdamer Botin dieselben Straßen entlang und versorgt die Häuser auf der anderen Straßenseite. Dazwischen stand 29 Jahre lang die Mauer.

Rein geographisch betrachtet liegt der Berliner Ortsteil Steinstücken in Potsdam Babelsberg, doch politisch wussten die 200 Bewohner nach dem Zweiten Weltkrieg genau, wohin sie gehören. Als im Oktober 1951 die seit 1920 zum Bezirk Zehlendorf gehörende Enklave ins Gebiet der DDR zwangsintegriert werden sollte, kämpften sie um ihre Zugehörigkeit zum Westen. Ihr 12 Hektar großes, seit 1961 von Mauern umgebenes Landstück wurde zu einem Symbol für die eingemauerte Stadt, eine Insel vor der Insel, eine „Hallig im roten Meer".

Wer im alten West-Berlin auswärtigen Besuchern „Mauer pur" vorführen wollte, fuhr nach Steinstücken, wo die Wachtürme neben den Gärten standen und nachts die Scheinwerfer in die Schlafzimmer leuchteten. Dennoch gelangen hier, auch unter Mithilfe einiger Steinstückener, immer wieder spektakuläre Fluchten von Ost nach West.

Legendär wurden das Zusammengehörigkeitsgefühl und die Freundschaft mit den Amerikanern, die bis 1990 ständig drei Soldaten in Steinstücken stationiert hatten. Bis heute hisst der rührige Steinstückener Bürgerverein alljährlich bei der Memorial-Feier an den zwei Helikopter-Flügeln des Luftbrückendenkmals die amerikanische und die deutsche Flagge.

Fünfzehn Jahre nach der Wende sind neue Freundschaften dazugekommen. „Bei uns gibt es keine Ossis und Wessis", sagt Günter Roßnagel, der den Bürgerverein 1980 gegründet hat und für seine Verdienste von den Amerikanern ausgezeichnet wurde. Er erinnert sich daran, wie bereits auf dem ersten Sommerfest des Bürgervereins nach der Wende einige der einstigen Bewacher, sprich NVA-Soldaten, Musik gemacht haben. Schon seit 1984 bestehen freundschaftliche Kontakte zu Kaninchenzüchtern in Potsdam, im Jahr 1999 ist der Verein in den Potsdamer Kaninchenzüchterverband eingetreten. Heute kommt bei gleich gebliebener Mitgliederzahl ein Drittel aus Babelsberg und Potsdam, selbst einige Sponsoren.

„Der Durchgangsverkehr hat zugenommen und die Steinstückener sind sich etwas fremder geworden", bedauert Brigitte Roßnagel. Doch die Vorteile überwiegen bei weitem, findet die seit fünfzig Jahren in Steinstücken lebende Gudrun Vallentin. Bis 1961 konnte sie noch, wenn auch heimlich, ihren Großvater in Babelsberg besuchen, doch danach litt sie unter dem Gefühl des Eingeschlossenseins. Auf dem Schulweg durch den Wald nach Kohlhasenbrück wurden selbst die Kinder zweimal kontrolliert, Kindergeburtstage konnten bei ihr nicht stattfinden. Bis zur Verlängerung der Bernhard-Beyer-Straße nach Kohlhasenbrück im Jahr 1972, ein Resultat des Viermächte-Abkommens, durfte kein Auswärtiger nach Steinstücken hinein.

„Die ständigen Kontrollen, das Eingesperrtsein haben einen derartig geprägt, dass man nur froh sein kann, dass die Mauer weg ist.", sagt Frau Vallentin. Bis die letzten Reste der Mauer beseitigt waren, dauerte es fast ein Jahr. Anders als in Berlin lagen die Bauelemente in Steinstücken quer und waren mit Eisenstreben verklammert, so dass die Mauer rund 50 cm dick war. Dennoch hatten schon wenige Tage nach dem 9. November 1989 Mauerspechte ein Loch geklopft, das groß genug war, um durchzuschlüpfen.

Die Vopos standen dabei und schauten amüsiert zu. Endlich konnten nah wohnende Verwandte besucht und die Nachbarn auf der anderen Straßenseite kennen gelernt werden. Und man kam in einer halben Stunde in die Berliner City oder zu Fuß nach Babelsberg. Nach fünfzig Jahren ist Andreas Encke an den Ort seiner Kindheit zurückgekehrt. An die Zeit, als der nahe Bahnhof Griebnitzsee noch Neubabelsberg hieß, bevor er von den Nazis in UFA-Stadt umbenannt wurde, kann er sich noch erinnern. Und Elke Welten lebt seit drei Jahren mit ihren vier Kindern in Steinstücken. Sie reizt die Geschichte des Ortes und die Lage zwischen Berlin und Potsdam. „Das Gefühl des Eingesperrtsein“, sagt sie, „kann ich mir gar nicht mehr vorstellen.“

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