Berlin : Nur die Ruhe

Manche Menschen machen sich sogar im Urlaub Stress. In Seminaren lernen Hektiker und Zähneknirscher, wie man Ängste loslassen kann

Alexander Schäfer

Jeden Urlaub die gleichen Vorsätze: Auf der Arbeit lasse ich es jetzt ruhiger angehen. Doch schon am ersten Tag hat einen die Hektik meist wieder: Telefone schrillen, die Bearbeitung unerledigter Ordner eilt – und schon sprechen Partner oder Freunde beleidigt die Mailbox voll. Solchen Stress kennt jeder. Es gibt ihn in der Familie, auf der Arbeit, im Verkehr, bei Behörden oder vor Prüfungen. Kaum ein Lebensbereich, in dem man nicht mit Druck und Erwartungen konfrontiert wird. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Stress zur größten Gesundheitsgefahr für das 21. Jahrhundert erklärt. Fast so vielfältig wie das Phänomen selbst sind aber auch die Methoden dagegen.

„Angebote gegen Stress kann man in Gruppen einteilen“, sagt Guido Grunenberg, regionaler Präventionsbeauftragter der Techniker Krankenkasse Berlin-Brandenburg. „Einerseits bewegungsorientierte Seminare zur Entspannung,wie autogenes Training oder Muskelentspannung. Andererseits Stressbewältigungsseminare, bei denen man viel über die Symptome spricht.“ Die Krankenkassen sind seit vier Jahren gesetzlich verpflichtet, präventive Anti-Stress-Seminare für ihre Mitglieder anzubieten. Ein Grund: „Die Seminare beugen anderen, schwereren psychischen und körperlichen Krankheiten vor“, sagt Grunenberg.

Diplompsychologe Boris Kollek bietet ein Wochenendseminar „Stressbewältigung im Alltag und Beruf“ an. Mit bunten Filzstiften hat er in seinem nüchternen Seminarraum Leistungskurven auf Flip-Charts gezeichnet, die an den Wänden hängen. Menschen aus allen Berufs- und Altersgruppen mit den unterschiedlichsten Stresserfahrungen kommen zu ihm. „In den vergangenen Jahren hat der berufliche Stress stark zugenommen“, sagt Kollek. Vier von fünf Seminarteilnehmern haben seiner Erfahrung nach Sorgen um den Arbeitsplatz. „Viele Angestellte überfordern sich deshalb, ohne auf körperliche Warnsignale zu reagieren.“

Dabei ist Stress generell nicht nur negativ, wie Forscher betonen. Da er die Leistungsfähigkeit erhöht, ist er in vielen Lebensbereichen wichtig. „Man muss die Balance zwischen Ruhe und Aktivität halten können“, erklärt Kollek. Zu wenig Stress verursacht Unterforderung. Dauerstress ist jedoch Mitverursacher vieler Erkrankungen. Allheimittel gegen Stress kann auch Kollek nicht versprechen. „Da Stress sehr individuell empfunden wird, gibt es keine Patentrezepte.“ In den Seminaren lernt man vor allem, die persönliche Stresssituation zunächst genau zu analysieren. „Es ist gar nicht so leicht zu benennen, was eigentlich wann und warum stresst“, sagt die 40-jährige Kursteilnehmerin Bettina Fien, selbstständige Heilpraktikerin und dreifache Mutter. Nach einer kurzen theorethischen Einführung sucht Kollek mit den Teilnehmern Ansatzpunkte zur Stressbewältigung. Bei der so genannten progressiven Muskelentspannung spannt man beispielsweise für einige Sekunden verschiedene Muskeln an. „Solche Übungen sind ideal für das Büro“, sagt Kollek. Unter dem Schreibtisch fällt es schließlich nicht auf, wenn man mal neun Sekunden die Beine ausgestreckt hält. Für Menschen, die nachts mit den Zähnen knirschen, so genannte Proxisten, empfiehlt Kollek spezielle Gesichtsmassagen. „Beispielsweise sollte die Zunge gegen den Gaumen drücken.“ Die Muskelentspannungsübungen tragen neben Sport, Atemtechniken, Yoga oder autogenem Training dazu bei, die Stresstoleranz zu erhöhen.

Zur Alltagsentspannung empfiehlt sich aber auch Zeitunglesen, Kinobesuche, Spaziergänge, Gartenarbeit oder Freunde treffen. Boris Kollek selbst kann gut bei klassischer Musik abschalten; andere brauchen ein Heavy-Metal-Konzert. Rauchen entspannt doch auch? „Raucher lieben vor allem den ersten Zug der Zigarette“, meint Kollek, „besser ist es, einfach tief durchzuatmen.“ In seinen Seminaren arbeitet Kollek auch mit so genannten Erlebnisreisen. Die Kursteilnehmer schließen die Augen, und der Diplompsychologe erzählt eine Geschichte. Die Teilnehmer können dadurch wie in einem Traumzustand spontan ihr Unterbewusstsein nach Lösungsmöglichkeiten befragen. „Anfangs dachte ich, das sei Psychokram“, sagt ein teilnehmender Manager. „Doch dann habe ich gemerkt, wie hilfreich solche Erfahrungen für mich sein können.“

Selbst lässt sich Kollek von seinen Kursteilnehmern nicht stressen: „Wenn es zu sehr in Richtung Psychotherapie geht, setze ich Grenzen.“

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