Berlin : Nur eine Muse pro Maler ist nicht genug

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Die Gründe, aus denen ein Sammler sein Herz an ein Kunstwerk hängt, sind nicht immer rein ästhetischer Natur. Fünf Frauen, Damen seines Herzens, hatte Max Beckmann auf dem „Großen Frauenbild“ von 1935 zusammengefügt, 1965 fand es Aufnahme in die New Yorker Spiro Family Collection. „Mein Mann mochte besonders dieses Bild, weil er vier Töchter und mich hatte“, berichtet Brigitte Spiro. „Gerne erzählte er, dass beide, er und Beckmann, fünf wichtige Frauen in ihrem Leben hatten.“ Das Bild steht zum Verkauf, wird am 24. Juni vom Auktionshaus de Pury & Luxembourg in London versteigert. Geschätzter Wert: Zwischen 5 und 6,5 Millionen Dollar. Damit es potenzielle Käufer begutachten können, ist das 215 mal 110 Zentimeter große Ölgemälde in dieser Woche in der Berliner Filiale des Auktionshauses zu sehen, nebst anderen zur Versteigerung stehenden Werken.

Die Ausstellung ist eine kleine kunsthistorische Sensation. Das Werk, das Beckmann bei seiner Emigration 1937 mitnehmen konnte, ist kaum gezeigt worden, in Deutschland nur 1963 in Karlsruhe. Für eine Woche ist es in die Stadt zurückgekehrt, in der es vor 67 Jahren geschaffen wurde. Dazu sei es ein Zeitdokument allererster Qualität, wie Michaela Neumeister, Deutschland-Chefin des Auktionshauses, rühmt, ein Bild, das über das vermeintlich private Sujet weit hinausgehe, die Zeit seiner Entstehung in fünf schillernden Frauengestalten widerspiegle.

Und in einem Mann: Beckmann. Der Künstler hat sich auf dem Bild selbst porträtiert, versteckt auf dem Spiegel, den Minna Beckmann-Tube, seine erste Frau, dem Betrachter entgegenhält. Nicht der gereifte Künstler, ein Mann in den frühen Fünfzigern, ist zu sehen, nicht der bekannte kantige Beckmann-Kopf, sondern das runde Gesicht des jungen Mannes, das auf einem Foto seiner ersten Hochzeit zu sehen war, wie Michaela Neumeister erläutert.

Referenz an Picasso

Fünf Frauen also, vermutlich nicht die einzigen, doch die wichtigsten im Leben Beckmanns, den man sich, glaubt man zeitgenössischen Schilderungen, als erfolgreichen Womanizer vorstellen darf. Sie kannten einander überwiegend, aber alle fünf um sich zu scharen – das schaffte selbst ein Beckmann nur mittels Einbildungskraft. Minna hatte er 1906 geheiratet, zwei Jahre zuvor war er aus Weimar nach Berlin-Hermsdorf übergesiedelt. Unter den Kriegserlebnissen kehrte er, 1915 entlassen, nicht mehr zur Familie nach Berlin zurück, sondern zog nach Frankfurt am Main. Die Ehe wurde erst1925 geschieden, Max bedingte sich vor seiner Hochzeit mit Mathilde „Quappi“ Kaulbach im selben Jahr ausdrücklich aus, dass er seine erste Frau weiterhin sehen, mit ihr auch verreisen dürfe. Quappi nimmt im Bild immerhin die exponierte Mitte ein. Dass sie nur als eine unter Fünfen gezeigt wurde, mag ihre Entscheidung zum Verkauf beflügelt haben.

Links hinter ihr steht Käthe Rapoport von Porada, eine junge Aristokratin, die Beckmann 1922 kennengelernt hatte, für viele damals „das schönste Mädchen von Berlin“. Sie schrieb Modeberichte für die „Frankfurter Zeitung“, wohnte später in Paris und half Beckmann nach seiner Emigration. Ganz links ist Lilly von Schnitzler zu sehen, Ehefrau Georg von Schnitzlers, eines Direktors der IG Farben. In der Frankfurter feinen Gesellschaft stand sie ganz oben, unterstützte Beckmann als Mäzenatin, versuchte auch, bei den NS-Machthabern ein gutes Wort für ihn einzulegen – vergeblich. 1933 verlor er seine Stelle als Lehrer an der Frankfurter Kunstschule und zog nach Berlin-Tiergarten, erhoffte sich wohl von der Anonymität der Metropole einen gewissen Schutz. Die fünfte Frau (stehend rechts) ist die Politikwissenschaftlerin Hildegard „Naïla“ Melms, mit der Beckmann 1923 eine Affäre hatte.

Doch nicht nur seinen Frauen hat er mit dem Gemälde ein Denkmal gesetzt, sondern, so schreibt das Aktionshaus im Katalog, auch dem großen Vorbild Picasso und seinen „Les Demoiselles d’Avignon“ Referenz erwiesen. Das wäre nicht sehr charmant: Picassos berühmtes Damenkränzchen fand in einem Hurenhaus statt. Andreas Conrad

de Pury & Luxembourg, Kurfürstendamm 50, heute, 10 bis 16 Uhr, 5. Juni, 10 bis 20 Uhr, 6. Juni 10 bis 15 Uhr.

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