Berlin : Nur für Nichtmusiker

Radio Eins vom RBB hat eine eigene Band aus Moderatoren und Redakteuren Bei ihren seltenen Auftritten werden sie gefeiert wie Rockstars

Simone Schmollack

Dicke Nebelschwaden krauchen aus dem Bühnenboden, das Publikum kreischt und jubelt. Man könnte meinen, gleich röhrt Mick Jagger von der Rampe. Doch eine kleine, zierliche Frau mit einer Gitarre spricht ungerührt ins Mikro: „Ihr müsst gleich ganz stark sein.“ Das Publikum ist außer sich. So viel Vorschusslorbeer bekommen sonst die ganz Großen. Dabei sind die Frau und die fünf Männer alles andere als Rockstars. Dem Publikum ist das egal, es will genau die da vorn hören: die Radio-Eins-Band.

Als solche sind sie aber gar keine richtigen Musiker, sondern Moderatoren und Redakteure des Hörfunksenders Radio Eins vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB), das „nur für Erwachsene“ sendet. Daniel Finger, neben Marion Brasch Sänger der Band, kann keine einzige Note lesen. Vom Blockflötenunterricht in der Schule war er befreit, weil seine Finger die Löcher der Flöte nicht richtig abdeckten. Steen Lorenzen, Keyboarder, hatte als Kind Klavierunterricht. Beim Vorspielen hat er öfter daneben gehauen und sich dann gedacht: Ich lass das mal lieber. Und Matthias Hanselmann, Moderator und einer der beiden Gitarristen, entschied sich als Jugendlicher irgendwann dafür, nicht weiterzumachen.

Das ist genau das, was den Reiz dieser Band ausmacht. Sie muss nicht perfekt sein. Und sie will es auch nicht. Im Gegensatz zu professionellen Kapellen anderer Sender der Region. Antenne Brandenburg hat eine Band für die gediegene Hörerschaft, Radio Multikulti leistet sich Jazz. Die Radio-Eins-Band kann auch nicht gebucht werden wie die anderen Sendeorchester, sie spielt nur zu Veranstaltungen der eigenen Station. Wie viele Titel das Repertoire zählt, kann keiner der sechs Mitglieder genau sagen. Obwohl es so viele gar nicht sein können, die Band spielt immer nur vier oder fünf. Aber das mit Spaß und Lust an der Selbstdarstellung. Und genau dafür wird sie von ihrer Hörerschaft geliebt. Obwohl es mitunter schräg klingt und die „Musiker“ sich in Takt und Tonart verlieren.

Um die Gründung der Formation vor fünf Jahren ranken sich Mythen. Niemand weiß mehr genau, wer die Idee hatte. Es geht auch das Gerücht um, Daniel Finger habe für die Zusammenstellung gecastet und hart gesiebt. „Stimmt nicht“, sagt der, „wir haben jeden genommen, der sich gemeldet hat“. Musikredakteur Heiko Schubach musste überredet werden mitzumachen. Er ist der einzige ausgebildete Musiker. Vor 25 Jahren hat er die berühmte wie berüchtigte Ostberliner Mühle der Musikschule Friedrichshain überstanden, an der unzählige bekannte DDR-Rocker das Notenlesen lernten. Als sein Sohn geboren wurde, hat Schubach seinen Bass verschenkt. Und nun zehn Jahre später stand Kollege Finger vor ihm: „Hey, du machst doch mit, oder?“ Ein Bass musste erst aus einem staubigen Keller hervorgekramt werden.

Die Frage, welche Songs sie spielen, ist immer schnell geklärt. Bei den wenigen Proben fällt öfter der Satz: „Dieses Stück können wir nicht nehmen, das ist zu schwer.“ Gelandet sind sie unter anderem bei „Liebe zu Dritt“, „Wonderful world“, „Mad world“. Zum 10. Geburtstag im kommenden Jahr wollen sie mit zehn Songs aufwarten. Dann ist sicher auch eine schriftliche Titelabfolge vonnöten, denn bisher hat immer einer vergessen, welcher Song als Nächstes dran ist. Simone Schmollack

Der Termin des nächsten Auftrittes steht noch nicht fest. Bandmitglied Steen Lorenzen legt am kommenden Donnerstag, 28. Dezember, bei der Afterworkparty in der Bar „Trompete“ (Lützowplatz 9, Tiergarten) auf. Beginn 19 Uhr.

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