Berlin : Nur Ideen retten Berlin, nicht der Bund Sarrazin: Wir brauchen mehr Industrie

Ulrich Zawatka-Gerlach

Die Bundesgelder für die Hauptstadtaufgaben Berlins können die Finanzprobleme der Stadt nicht lösen. Davon ist Senator Thilo Sarrazin überzeugt. Dieses Thema werde maßlos überschätzt. Zwar zahle der Bund zu wenig. „Aber mehr als 140 Millionen Euro für hauptstadtbedingte Mehrausgaben sind seriös nicht zu begründen.“ Er warnte generell davor, „die Hauptstadtrolle Berlins zu überhöhen“. Das wäre ein falsches Denken. Das Publikum, das am Dienstagabend auf Einladung der Senatskanzlei und der Historischen Kommission ins Rote Rathaus kam, fand diese These interessant. Und widersprach nicht, als Sarrazin sagte: „Die eigentliche Aufgabe ist es, der Stadt wieder eine industrielle Basis zu geben.“

Berlin fehlten, so fügte der Finanzsenator hinzu, 200 000 Arbeitsplätze im Bereich der Dienstleistungen und des Industriegüterexports. Was tun? Die Antwort blieb unbestimmt: „Wir müssen etwas Neues machen.“ Planbar seien solche Entwicklungen aber nicht. „Das läuft über den knallharten internationalen Wettbewerb zwischen den Unternehmen, den Verwaltungsbürokratien und den Arbeitnehmern.“ Die Vergangenheit sei nicht zurückzuholen, als Berlin die Hauptstadt Preußens und des Deutschen Reiches war, aber auch eine blühende Industrie-, Handels- und Finanzmetropole.

Darüber hatte zuvor Harald Engler referiert. Ein junger Historiker, der ein Buch über die „Finanzierung der Reichshauptstadt“ schrieb. Dabei kam er zu dem Ergebnis, „dass die Bedeutung der Hauptstadtfunktion für die Gesamtwirtschaft Berlins im Verlauf des Kaiserreiches abnahm, da aus der bescheidenen Residenzstadt bis zur Jahrhundertwende eine prosperierende, wirtschaftsstarke und in allen Belangen voranschreitende Metropole geworden war“. Ganz im Gegensatz dazu sei Berlin heute eine „wirtschaftlich darniederliegende, hoch verschuldete und aufgrund der föderalen Strukturen in ihren Machtbefugnissen beschnittene Hauptstadt“.

Vor 1945, assistierte Sarrazin dem Geschichtswissenschaftler, habe Berlin über seine Industrie den Staat Preußen sogar großenteils mitfinanziert. Diese Wirtschaftskraft sei weg und nach 1961 sei die politische Klasse in West-Berlin „nur noch darauf gedrillt worden, aus Bonn Geld abzuholen“. Das habe die Stadt bis heute tief geprägt. Wie sparsam seien doch die Preußen gewesen, die sich zum Beispiel für den Bau der Museumsinsel 120 Jahre Zeit gelassen und dafür das Geld „mühsam zusammengekratzt“ hätten.

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