Berlin : Nur in der Statistik sinkt die Zahl der Arbeitsunfälle

Bauarbeiter werden als Selbstständige geführt und Todesfälle dann nicht gezählt

Jörn Hasselmann

Auf Berlins Baustellen sinkt die Zahl der tödlichen Unfälle – aber nur statistisch. Denn immer mehr Menschen arbeiten offiziell als Selbstständige. Und wenn diese vom Gerüst stürzen, fallen sie aus der Statistik heraus. In diesem Jahr hat das Landesamt für Arbeitsschutz (Lagetsi) bereits zwei tödliche und einen schweren Arbeitsunfall aus der Liste gestrichen.

Prominentes Beispiel: der im Juli bei Dreharbeiten getötete Stuntman Michael Gast. Der 39-Jährige war bei Aufnahmen für den ZDF-Film „Ein Unglück namens Emma“ mit einem Auto in den Teltowkanal gestürzt. Nachdem das Lagetsi recherchiert hatte, dass Gast selbstständig war, wurde er wieder aus der Unfallliste gestrichen. Auch ein Brüderpaar fiel aus der Statistik, nachdem bekannt geworden war, dass die beiden 48 und 53 Jahre alten Männer eine eigene Firma hatten. Sie waren bei der Reinigung einer Klärgrube in Mahlsdorf getötet beziehungsweise schwer verletzt worden.

Wie viele Arbeitsunfälle es tatsächlich gibt, ist unklar; eine Statistik, die alle Unfälle auf dem Bau erfasst, fehlt. In der Kriminalstatistik der Polizei fallen Arbeitsunfälle unter fahrlässige Tötung. Wie viele (Schein-)Selbstständige auf Baustellen und am Arbeitsplatz starben, vermag das Lagetsi nicht zu schätzen. „Das ist durch Zahlen nicht zu belegen“, sagt Robert Rath. Klar sei aber: „Es gibt den Trend zum Subunternehmer“, immer häufiger sei wie bei Ich-AGs der „Chef“ der einzige Mann in der Firma. Und wenn der verunglücke, sei das zwar tragisch, aber keine Sache für das Amt für Arbeitsschutz, das nur für „lohnabhängig Beschäftigte“ zuständig ist.

In den vergangenen Jahren lag die Zahl der vom Lagetsi erfassten tödlichen Arbeitsunfälle bei etwa zehn pro Jahr. Bis Ende der 90er Jahre waren es noch über 20 . Die 1998 erlassene Baustellenverordnung habe eine deutliche Besserung gebracht, sagte Rath. Diese schreibt Sicherheitsstandards fest und einen Koordinator für Sicherheitsfragen vor.

Seitdem geschehen Arbeitsunfälle überwiegend auf kleinen Baustellen, auf denen ohne Sicherheitskoordinator gearbeitet wird. So wurde im April ein 48-Jähriger in Heinersdorf in einer Entwässerungsgrube verschüttet, die nach Angaben des Lagetsi überhaupt nicht ausgesteift war, vor einem Monat fiel ein Arbeiter von einem ungesicherten Gerüst.

Am Hauptbahnhof, lange Zeit die größte Baustelle der Stadt, gab es kaum Unfälle, lobt das Lagetsi, obwohl unter starkem Zeitdruck gearbeitet werden musste. Zeitdruck sei immer eine große Gefahr für die Arbeiter, heißt es beim Lagetsi, ebenso der Kostendruck. Durch den Kostendruck machen sich immer mehr Arbeiter selbstständig und sind als Subunternehmer tätig.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben