Berlin : Nur kein Risiko eingehen – die Angst vorm eigenen Kind

In Berlin entscheiden sich immer mehr Paare gegen Nachwuchs. Bei der Geburtenrate liegt die Hauptstadt bundesweit ganz weit hinten

Bernd Matthies

Berlin - Fangen wir diesen Text über Berlin in Warschau an. Dort geht es den Menschen, nimmt man nur die statistischen Indikatoren, schlechter als uns. Aber sie erwarten, dass es rasch aufwärts geht, und sie investieren optimistisch in ihr Leben. Wir tun das nicht. Deshalb ist es kein Wunder, dass nirgendwo in Deutschland, erst recht nicht in Berlin, so viele kleine Kinder, so viele hochschwangere Frauen, so viele enthusiastische Brautpaare bei Foto-Sessions im Park zu sehen sind wie in der polnischen Hauptstadt.

Berlin dagegen schrumpft. Die Einwohnerzahl der Stadt wird bis zum Jahr 2020 um weitere 80000 abnehmen – dies geht aus einer Prognose des Berliner Instituts für Bevölkerung und Entwicklung hervor. Deutschland insgesamt geht es nicht viel besser, die Geburtenzahl 2005 war auf dem tiefsten Stand seit 1945, aber Berlin liegt besonders weit hinten, auf dem vorletzten Platz vor Sachsen-Anhalt.

Aber haben wir nicht Prenzlauer Berg, die nach Einschätzung einiger Zeitungen „fruchtbarste Region Europas?“ Ein Märchen. Ja, es mag sein, dass bei schönem Wetter viele Kinderwagen auf den Helmholtzplatz geschoben werden, dass irgendwo in den Häusern dort ein kleiner Boom stattfindet. Doch der Bezirk Prenzlauer Berg hat nichts davon: Seine Geburtenraten sind sogar besonders niedrig, nicht untypisch für eine Nachbarschaft, die von Studenten und älteren, arrivierten Zuzüglern dominiert wird, beispielsweise den zahllosen „Bonnern“, die als Familiengründer meist nicht mehr in Frage kommen. Junge Familien, die es sich leisten können, ziehen lieber an den Stadtrand und gehen Berlin verloren; die Kreise Oberhavel, Barnim und vor allem Potsdam-Mittelmark zählen zu den Gewinnern der Prognose.

In Berlin, so scheint es, bleiben die Armen und die Alten zurück. Und jene, die Karriere machen wollen oder einfach nur um ihren Arbeitsplatz kämpfen und die genau wissen, dass Kinder dabei gefährlich sind. Verantwortliche Politiker haben, was sollen sie auch sonst tun, längst abgewiegelt und die üblichen statistischen Tricks eingesetzt. In der Tat sehen die Zahlen viel netter aus, addiert man Berlin und seinen Speckgürtel, also den „Wirtschaftsraum“ Berlin. Doch zu wem gehören dann Prignitz, Uckermark und Elbe-Elster-Kreis, zu wem Frankfurt an der Oder? Dort nämlich gehen die Geburtenraten so rasant in den Keller wie sonst nur noch in besonders abgelegenen Ecken von Sachsen-Anhalt.

An der separaten Betrachtung Berlins führt also kein Weg vorbei. Die entscheidende Zäsur, natürlich, war die politische Wende 1989, in deren Folge vor allem die zuvor sehr hohe Geburtenrate Ost-Berlins abrupt einbrach. Unsicherheit über die Zukunft, Wegbrechen der Arbeitsplätze – nur zwei der entscheidenden Aspekte, die sich bis heute nicht geändert haben, außer, dass sie längst für ganz Berlin gelten.

Sehen wir uns ein typisches junges Berliner Ehepaar an: Akademiker, beruflich mit viel Glück angekommen, überdurchschnittliches Einkommen und gute Karriere-Aussichten – Menschen also, die früher ganz von selbst eine große Familie gegründet hätten. Tun sie es aber heute, lösen sie eine in ihren Folgen kaum mehr abschätzbare Kostenlawine aus. Das fängt schon im Kindergarten an. Kein Zweifel: Es gibt genug Plätze in allen Bezirken, doch das nützt nichts, denn sie sind viel zu teuer. Nicht wenige gutbürgerliche Eltern stellen entsetzt fest, dass sie schon mit ganz normalen Akademikereinkünften für das erste Kind 500 Euro und mehr im Monat zahlen müssen. Das bedeutet: Vor allem Frauen mit einem Halbtagsjob arbeiten dann überwiegend nur dafür, dass jemand anderes ihr Kind betreut. Und Wohneigentum, in den reichen ländlichen Regionen Deutschlands noch immer selbstverständliche Bedingung der Familiengründung, bleibt so ohnehin unerreichbar. Also fällt die Entscheidung klar für die Karriere, gegen Kinder und finanzielle Risiken.

Das sind die kurzfristig leicht abschätzbaren Faktoren. Andere sind weniger konkret greifbar, psychologisch aber ebenso wichtig. Wird es für mein Kind eine Schule geben, an der wenigstens noch überwiegend Deutsch gesprochen wird? Wie unterstützen wir, wenn später die Rente schon für uns nicht reicht, unsere Kinder, wenn die keine Arbeit finden? Kein Wunder, dass dies den Familien in Berlin mehr Angst macht als jenen in Bayern oder Baden-Württemberg, wo man sich über Mangel an Arbeit auch in Zukunft kaum wird sorgen müssen.

Angst – das ist der Schlüsselbegriff. Viele, die sich trotzdem für Kinder entschieden haben, geben anderen ein schlechtes Vorbild: Sie hetzen vom Kindergarten zur Schule, vom Hort zum Klavierunterricht und Hockeytraining, immer in der Sorge, die Kleinen im Stadtgetriebe auch nur einen Moment aus den Augen zu lassen. Diese Überbehütung, die den Eltern der Nachkriegsgeneration schon aus Mangel an Erst- und Zweitwagen nie eingefallen wäre, verdirbt vielen den Kinderwunsch: einfach zu anstrengend. Dabei geht es auch anders.

Angst – dafür sind wir Deutschen ohnehin Spezialisten. Schon als die 68er-Generation die bürgerliche Familie zu zerlegen versuchte, kam ihr zugute, dass vor allem gebildete Deutsche gerade süchtig sind nach Weltuntergangsszenarien. Damals waren es die Atomraketen und das Waldsterben, die irrwitzigen Prognosen des „Club of Rome“ und andere pseudowissenschaftliche Phantasmagorien, heute fürchten wir uns vor Klimakatastrophe, Terrorismus und Vogelgrippe. Und sagen heute wie damals: Nein, in diese finstere Welt setzen wir keine Kinder! Optimistisch in die Zukunft blicken – das ist keine deutsche Spezialität. Darin sind uns die Polen weit überlegen.

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