Berlin : Nur keine falsche Scheu

Die Berliner können nicht flirten? Zumindest scheint es so. Die Journalistin Ruth Elkins und Frontfrau Judith Holofernes von „Wir sind Helden“ können ein Lied davon singen

Mandy Schielke

Sicherlich kennen Sie das: Sie sitzen in der U-Bahn und gegenüber hat jemand Platz genommen, der Ihnen gefällt. Es kommt zum ersten scheuen Blickkontakt und noch bevor Sie sich zu einem schmalen Lächeln entschlossen haben, öffnen sich die Türen und das Objekt der Begierde entschwindet, meistens für immer. Ein Großstadtphänomen? Ruth Elkins, die in ihrer Kolumne „Berlin Stories“ in der britischen Zeitung „Independent Weekly“ über die Menschen in Berlin schreibt, ist anderer Meinung: „Die Männer in Berlin können einfach nicht flirten“, sagt die attraktive Journalistin. „Sie haben Angst davor, abgelehnt zu werden, deshalb flirten sie nicht.“ Dass die Berliner Männer im Vergleich zu ihren Geschlechtsgenossen in Rom, London oder Barcelona eher zurückhaltend sind, könne auch an der Frauenbewegung liegen, meint die 24-Jährige. Diese habe den modernen Mann verschreckt, sagt die Britin, die seit acht Monaten in Berlin wohnt und enttäuscht ist, dass sie noch keinen Freund gefunden hat. Eine weitere Ursache vermutet Elkins in der Unfähigkeit der Berliner über Belangloses zu sprechen: „Im Gegensatz zu den Leuten in London fällt es den Menschen hier unheimlich schwer, beispielsweise über das Wetter zu reden. Das macht den Flirt fast unmöglich“, sagt Elkins. „Ich habe mal zwei Stunden lang im Café im Friedrichshain gesessen und einen Mann am Nebentisch angeschaut. Er hat sich jedoch nicht geregt. Dann legte ich meine Visitenkarte auf den Tisch. Er nahm sie und verschwand.“

Judith Holofernes von der Band „Wir sind Helden“ kommt der defensivere Flirtstil in Berlin sehr entgegen: „Ich schätze die subtile Art sehr. In Südfrankreich zum Beispiel fühle ich mich von der Anmache der Typen immer komplett überfordert“, sagt die Sängerin, die auch den Song „Aurelie“ geschrieben hat. Darin erzählt sie die Geschichte ihrer französischen Freundin, die in Berlin vergeblich nach einem Flirt suchte. „Fast alle meine Freunde waren in Aurelie verknallt - nur hat sie es nie bemerkt, weil sie aus Frankreich den offensiven Flirtstil gewohnt war.“ Deshalb widmete die Kreuzbergerin ihrer Freundin den Song: „Aurelie, so klappt das nie / Du erwartest viel zu viel / Die Deutschen flirten sehr subtil“. „Der Song wirkte wie ein Zauber, denn zwei Wochen später verliebte sie sich auf einer Party“, sagt Judith Holofernes. Mittlerweile lebt Aurelie wieder in Paris.

Aber was ist das eigentlich: ein Flirt? Eine kurze Berührung, ein Kompliment oder ein tiefer Blick? Meyers Lexikon weiß Rat: Demnach ist ein Flirt eine erotische Zuneigungsbekundung. Im englischen Sprachraum legt man auf den Zusatz – ohne ernsthafte Absichten – Wert. Flirten ist für den Singleberater Christian Thiel, der in seinen Seminaren Alleinstehenden dabei hilft, ihre Scheu vor dem Flirten zu überwinden mehr als nur eine flüchtige Kontaktaufnahme. Er definiert den Flirt ganz traditionell als die Fähigkeit, Liebesbeziehungen herzustellen. Ein guter Flirt hänge von Geduld, Sorgfalt, Ausdauer und Einfühlungsvermögen ab. „Den Berlinern fällt das Flirten schwer, weil das zwischenmenschliche Verhalten hier im Alltag sehr ruppig ist“, sagt Thiel. Die Großstadt sei jedoch nicht zwingend ein Hindernis, jemanden kennen zu lernen. Vielmehr müsse man sein soziales Leben besser organisieren. „Es geht darum, nach Gelegenheiten suchen, bei denen man einen Fremden zwanglos wiedertreffen kann, in Tanzkursen beispielsweise oder in Seminaren“, sagt der Psychologe.

Als wirkliches Problem scheint der Berliner an sich seine Flirtunfähigkeit noch nicht verinnerlicht zu haben. Denn Sachbücher mit dem Titel „Hilfe für unbegabte Flirtwillige“ oder „Unwiderstehlich flirten“ gehen beispielsweise im Kulturkaufhaus Dussmann so gut wie nie über den Ladentisch.

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