Berlin : Nur keine Langeweile

Der britische Botschafter Sir Paul Lever setzt sich zur Ruhe

Elisabeth Binder

Wenn er mit diesem mühsam gezähmten Lächeln das Glas erhob, lehnten sich die Teilnehmer einer Tafelrunde genüsslich zurück. Die Dinnerreden des britischen Botschafters werden fehlen, darin sind sich nicht nur die in Berlin tätigen Diplomaten einig. Nach einer Rekordamtszeit von fünfeinhalb Jahren zunächst in Bonn, dann in Berlin, zieht sich Sir Paul Lever kommende Woche aus dem Berufsleben zurück. Und der Stadt geht ein subtiler Lehrer verloren, wo es um die Kunst der anhörenswerten Rede geht. Sir Paul, der viele als typisch britisch gepriesene Tugenden in sich vereinigt, spielte souverän mit Ironie und Selbstironie, Understatement und Overstatement und fühlte sich bei allem, was er sagte, ganz offensichtlich dem Grundsatz verpflichtet, den sich Redner aller Nationen an die Wand hängen sollten: nur keine Langeweile!

Dass er ein origineller politischer Analytiker ist, hat dabei sicher geholfen. In vielen Hintergrundgesprächen hat er anschaulich gemacht, dass sein Land von klugen Köpfen mit Visionen regiert wird. So viel Geist wird eines hoffentlich nicht zulassen: dass sich Sir Paul im zarten Alter von 60 Jahren „nach London ins Rentner-Dasein“ zurückzieht, wie er es in einer leisen Überdehnung seiner Untertreibungskunst formuliert. In England sei es üblich, dass man im öffentlichen Dienst in diesem Alter in den Ruhestand gehe.

Schwer vorstellbar bei einem Mann, der als Berater gefragt sein dürfte. „Wir hatten die Zeit unseres Lebens“, sagt Lever über seinen Einsatz in Berlin. Gern hat er deutsch-britische Unterschiede ironisch kommentiert: „In England kann man auf alles wetten, in Deutschland kann man sich gegen alles versichern“.

Bevor Sir Paul Ende 1997 Botschafter in Deutschland wurde, arbeitete er vor allem in internationalen Delegationen und verschiedenen Abteilungen des Außenministeriums. Von 1990 bis 92 leitete er die britische Delegation bei den Verhandlungen in Wien zur Rüstungskontrolle. Kurz zuvor hatte ihn die Queen zum „Sir“ geadelt. Während seiner Zeit als Botschafter ernannte ihn die Universität Birmingham zum Ehrendoktor. Der Posten in Deutschland kam für ihn eher überraschend. Trotzdem lernte er die Sprache schnell und gründlich. Er gehörte ja nicht zu den altgedienten Deutschland-Experten, die schon zu Alliierten-Zeiten in Berlin am Ball waren. Lieber gab er sich modern wie die Britische Botschaft, zu deren Eröffnung die Queen angereist kam.

Bei der letzten Ausstellung, die er in der neuen Botschaft eröffnete, dankte ihm der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit: „Sie haben als Botschafter deutliche Zeichen gesetzt und sich für die Freundschaft zwischen beiden Ländern engagiert. Im Namen der Berliner danke ich Ihnen für das, was Sie für uns und Ihr Land getan haben. Kommen Sie oft wieder.“

Nach einem Sommer in Frankreich, der unter anderem dem Gärtnern gewidmet sein soll, will sich Sir Paul aktiv an die neue Rolle als Diplomatinnengatte gewöhnen, will sich allerdings auch nach 40-jährigem Berufsleben eine eigene Infrastruktur in seinem Computer aufbauen. Was dabei herauskommt, steht zwar noch nicht fest. Aber langweilig, darauf könnte selbst ein Deutscher beruhigt wetten, langweilig wird es sicher nicht.

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