Berlin : Nur Wahres bringt Bares

In der Zeit zwischen den Jahren herrscht Hochbetrieb in den Leihhäusern

Max-Peter Heyne

Die schmächtige Frau steht mit einer Schatulle am Schalter und kramt einen einzelnen Goldring hervor. Sie will ihn versetzen. Zehn Euro würde ihr die Angestellte auf der anderen Seite des großen Metallgitters als Leihwert zahlen. Die Kundin ist enttäuscht, hatte mehr erwartet. Sie brauche doch Geld, um die Klassenfahrt eines ihrer fünf Kinder zu finanzieren, sagt die Frau. Nach kurzem Zögern greift sie in die Schatulle und legt so viele Ringe auf den Tisch, bis der erhoffte Betrag zusammenkommt. Jetzt legt sie noch ihren Personalausweis hin, erhält Geld und einen Pfandleihschein.

Ob die Geschichte von der Klassenfahrt die Wahrheit oder nur ein Vorwand war, um mehr Geld herauszuschlagen – die Pfandleiher interessiert es nicht. Darf es auch nicht. Denn Mitleid ist nicht ihr Geschäft. Dafür ist Diskretion Ehrensache, denn eher unfreiwillig erfahren Pfandleiher Details über die persönlichen Lebenshintergründe ihrer Kundschaft, die überwiegend aus Stammkunden der unteren Mittelschicht besteht, die kurzfristig finanzielle Engpässe überwinden müssen. Wie jetzt, so um Weihnachten und Silvester herum, kommen verstärkt Erstkunden, weil „der Finanzbedarf dieser Tage groß ist“ oder weil geschenkter Schmuck „lieber in Bargeld umgewandelt“ wird, wie die Angestellte eines Traditionsleihhauses in Moabit sagt.

Großen Zulauf erwarten die Berliner Pfandhäuser auch noch in der nächsten Woche – wenn so mancher nach dem Jahreswechsel erschrocken feststellt, dass das Geld auf dem Konto nicht für die anstehenden Zahlungen reicht. Dann ist das Versetzen des Familienschmucks gerade für Rentner, Ausländer oder Arbeitslose, denen die Banken nur ungern mit Krediten helfen, die unkomplizierteste Art, sich Geld zu beschaffen.

Der Nachteil im Pfandleihhaus ist, dass dort nur ein Bruchteil des tatsächlichen Wertes ausbezahlt wird. Pfandleiher leben fast ausschließlich von den Zinsen von etwa einem bis zweieinhalb Prozent pro Monat und Wertgegenstand sowie moderaten Gebühren, die seit 1961 unverändert geblieben sind. Dass also ein Stammkunde wiederkommt und seine Wertsachen auslöst – um sie zu späteren Zeitpunkten nochmals versetzen zu können – ist wichtig für einen Pfandkreditgeber, wie Dieter Funke, der das Weddinger Leihhaus M. Bartsch seit 25 Jahren betreibt. Inzwischen ist Funke einer der wenigen verbliebenen deutschen Geschäftsinhaber inmitten eines türkischen Umfeldes, aus dem auch viele seiner Kunden stammen. „Mit ihnen haben wir sehr gute Erfahrungen“, beeilt er sich hinzuzufügen, „Sie sind sehr verlässlich.“ Eine Meinung, die in Pfandleihstellen oft zu hören ist. Obendrein beleiht diese Klientel generell sehr wertvollen Goldschmuck – was die Pfandleiher sehr freut. Denn die meisten nehmen fast ausschließlich nur noch Schmuck an. Für technische Geräte hingegen gibt es kaum noch Geld. „Deren Werte verfallen heutzutage viel zu schnell“, sagt Dieter Funke. Sehr zum Bedauern vieler junger Leute: Sie bringen oft ihre Handys vorbei, um an Geld zu kommen.

Probleme macht der Branche auch die Tatsache, dass immer weniger Pfänder abgeholt werden. Die Zinsgewinne stagnieren. Und die Zusatzerlöse von Versteigerungen – die nach einem Zeitraum von zehn Monaten gesetzlich vorgeschrieben sind – gehen nicht ans Leihhaus, sondern allesamt an den Fiskus. Wobei sich dem Pfandleiher natürlich die Gelegenheit bietet, für Schmuck mitzubieten, um ihn anschließend zu verkaufen. So kommen auch solche Schnäppchenpreise zustande, wie im Moabiter Leihhaus. Da kaufte ein Mann für seine Ehefrau einen gebrauchten Goldring als Weihnachtsgeschenk, der ursprünglich mal rund 11 000 Euro gekostet hat. Der sparsame Gatte musste nur einen Bruchteil dieser Summe investieren: 400 Euro legte er auf den Tresen.

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