Berlin : Nur was für Jungs? Von wegen!

Zupfen, wackeln, schwingen: Katharina aus Eberswalde gewinnt die Deutschen Meisterschaften im Luftgitarre-Spielen

Sebastian Leber

Kurz vor 22 Uhr ist die Männerwelt noch in Ordnung. Ein junger Kerl namens „Arschritzen-Yeti“ wütet auf der Bühne, brüllt und schwitzt, haut wie ein Berserker auf die nicht vorhandenen Stahlsaiten seiner nicht vorhandenen Gitarre. Die zweite Deutsche Meisterschaft im Luftgitarre-Spielen hat soeben ihren ersten Höhepunkt erreicht. „Arschritzen-Yeti“, extra aus Bremen angereist, erntet wilden Beifall von den 900 Zuschauern im Kesselhaus der Kulturbrauerei. Als Metal-Fan ist er froh, dass er hier für etwas bejubelt wird, für das er „in jeder feineren Diskothek Hausverbot“ bekäme.

Luftgitarre spielen sei genetisch im Menschen angelegt, mindestens seit der Steinzeit, behauptet Ingo Schulz, der letztjährige Sieger des Wettbewerbs. Auch diesmal tritt er wieder an, rockt zu Klängen von AC/DC, streckt dabei die Zunge raus, verzerrt das Gesicht. Auch die anderen Starter toben sich aus: Christian aus Osnabrück kann nicht nur auf seine Luftgitarre eindreschen, sondern dabei auch noch verdammt böse gucken. „Terror T“ zertrümmert sein Instrument auf dem Bühnenboden. Ein Berliner zieht sich als Krönung seines Auftritts eine Bierflasche über den Schädel. Eine wirklich existierende, wohlgemerkt.

Dann betritt Katharina die Bühne. Die 24-jährige Studentin aus Eberswalde ist die einzige Frau im Starterfeld, hat vier Tage lang vor dem Spiegel geprobt. Sie trägt keine Rockermontur, sondern ein schwarzes Spaghetti-Top und Schuhe mit Absätzen. Als Begleitmusik für ihren Auftritt hat sie sich weder AC/DC noch Metallica ausgesucht, sondern ein Lied des Softrockers Lenny Kravitz – eigentlich ein ganz böses Foul, zumindest in Luftgitarren-Kreisen. Doch Katharina überzeugt durch filigranes Fingerspiel, wirbelt ihr gelocktes Haar und wackelt mit dem Po. Ja, man kann beim Luftgitarre-Spielen durchaus sexy aussehen. Und vor allem seine Würde behalten. Die dreiköpfige männliche Jury ist angetan und vergibt Bestnoten. Vielleicht hätten ihn die weiblichen Reize „ein wenig geblendet“, wird ein Jurymitglied später eingestehen.

Aber noch bleibt ja ein Durchgang Zeit, um die ins Wanken geratene Formel „Luftgitarre=Jungssache“ über den Abend zu retten. Die Teilnehmer geben alles, grölen um die Wette, machen Hechtsprünge ins Publikum, zeigen ihre verschwitzten Achselhaare. Bei vielen hat der Alkohol die Schamgrenze ins Bodenlose gesenkt – die Grenze zwischen spaßig und peinlich wird fließend. Eine souveräne Leistung zeigt Vorjahressieger Ingo, er kann sein Instrument mit der Zunge wie auf dem Rücken spielen. Katharina verzichtet auf solche Showeinlagen, konzentriert sich auf das Wesentliche: Gitarre zupfen und Hüfte schwingen. Das bringt ihr schließlich den Sieg ein. Der Preis: Ein Flugticket nach Finnland, dort findet Ende August die Weltmeisterschaft der Luftgitarristen statt. Dann muss Katharina vor 3000 Leuten bestehen.

Warum sie heute wohl gewonnen habe, wird die Siegerin anschließend von Journalisten gefragt. Keine Ahnung, sagt sie, auf jeden Fall habe das nichts mit irgendeinem Frauenbonus zu tun. Klar war es der Frauenbonus, sagt aber der Viertplatzierte „Arschritzen-Yeti“. Zudem habe man einigen Startern angemerkt, dass sie in Wirklichkeit gar keine Gitarre spielen könnten: „Schlechte Finger-Technik teilweise.“ Auch das Publikum ist nicht restlos von der Juryentscheidung überzeugt: Bei der Siegerehrung sind die Buhrufe nicht zu überhören. Der entthronte Ingo freut sich für Katharina, gibt aber zu bedenken, dass nun „schon wieder eine Männerdomäne gefallen ist“. Jetzt bleibe eigentlich nur noch das Schnarchen.

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