Berlin : Nur wenige Jugendliche schaffen den Aufstieg

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Von Claudia Keller

Martina P. war 17, als sie das erste Kind bekam, 21 beim zweiten. Heute ist sie Ende dreißig, die Kinder sind erwachsen. Gearbeitet hat Martina P. nie, seit eh und je leben sie und ihre Kinder von Sozialhilfe. Schon ihre Eltern konnten sich nicht selbst finanzieren. Und wahrscheinlich werden auch ihre Kinder für den Rest des Lebens auf staatliche Unterstützung angewiesen sein, schätzt die Sozialarbeiterin Gudrun Raßbach. Sozialhilfe heißt 286 Euro für den Haushaltsvorstand Martina P., die Tochter bekommt, seit sie 19 ist, 229 Euro, der noch minderjährige Sohn 258 Euro. Zusätzlich übernimmt das Sozialamt die Miete.

Gudrun Raßbach arbeitet seit dreißig Jahren beim Sozialpädagogischen Dienst im Bethanien-Viertel in Kreuzberg. Martina P. kennt sie noch aus ihrer Anfangszeit. Heute betreut sie die Kinder, die ihre Schwierigkeiten in der Schule quasi geerbt haben. Oft wird die Armut über Generationen weitergegeben, sagt Raßbach. Denn zur finanziellen Armut komme oft die „geistige Armut“ hinzu. Kinder würden zu Hause weder gefördert noch gefordert, die Eltern übertrügen ihr mangelndes Selbstvertrauen und Depressionen auf die Kinder. Viele könnten deshalb bei ihrer Einschulung noch nicht mal einen Stift in der Hand halten, geschweige denn einen Buchstaben malen. Oft litten sie auch schon mit sechs Jahren unter gesundheitlichen Schäden.

Noch vor dreißig Jahren hätten ärmere Eltern ihren Kindern Lesen und Schreiben beigebracht und ihnen klar gemacht, was Recht und was Unrecht ist. Sie wollten, dass es den Kindern später einmal besser geht. Heute seien die „Ressourcen“ in den Familien verbraucht. Wenn Kinder in die Kita gehen, sagt Raßbach, bekommen sie wenigstens ein paar neue Impulse. Aber viele Familien sparen sich die 45 Euro Kitagebühr, die immerhin ein Drittel der Sozialhilfe für Kinder ausmachen.

Raßbach weiß, wovon sie spricht. Im östlichen Kreuzberg sind 30 Prozent der Erwachsenen und 50 Prozent der Jugendlichen arbeitslos. Der Ausländeranteil ist hoch. Gerade für Frauen mit schlechter Ausbildung sei der Einbruch des Berliner Arbeitsmarktes in den 90er Jahren eine Katastrophe gewesen, sagt Raßbach. Außerdem gebe es immer mehr Scheidungen und weniger Halbtagsstellen. Von Jahr zu Jahr steige deshalb die Zahl der alleinerziehenden Mütter, die auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Die zierliche Frau wirkt müde und hat dunkle Ränder um die Augen, vielleicht, weil sie schon zu lange häufig vergeblich kämpft.

„Wenn man erst einmal Sozialhilfe bekommt, geht es ganz schnell bis man überschuldet ist“, sagt sie. Viele Familien, mit denen Raßbach zu tun hat, haben den Überblick über ihr Geld verloren. Zum einen, weil sie es aus vielen verschiedenen Quellen beziehen: Arbeitslosenhilfe, Sozialhilfe, Wohngeld, Kindergeld. Zum anderen, weil sie gar nicht gelernt haben, zu wirtschaften. Wenn man so wenig zur Verfügung habe, müsse man umso intelligenter und kreativer planen, erklärt Gudrun Raßbach. Sie erzählt von einem Familienvater, der von Sozialhilfe lebt und sich gerade das dritte Handy gekauft hat. Der habe keinerlei Problembewusstsein.

Ein andere gravierende Folge der Armut ist nach den Erfahrungen der Sozialarbeiter „die Ghettoisierung“. Zu der Auflage, dass Sozialhilfeempfänger nur Wohnungen bis zu einer bestimmten Mietgrenze beziehen dürften, sei neuerdings die Bedingung gekommen, dass es Wohnungen sein müssen, bei denen keine Kaution verlangt wird. Meist ist dies der Fall, wenn die Räume schon so kaputt und abgerissen sind, dass dem Vermieter gar kein Schaden mehr entstehen kann.

Das Bild, das Sozialarbeiter in Charlottenburg-Nord von der Armut zeichnen, sieht nicht besser aus. Ihr Kiez sei in den letzten zehn Jahren gekippt, sagt M. Ender vom Sozialpädagogischen Dienst. Er will seinen kompletten n nicht nennen, weil er Telefonterror befürchtet. Die Mittelschicht-Familien seien weggezogen oder unter die Armutsgrenze gefallen. Arbeitslosigkeit betreffe eben nicht mehr wie vor zwanzig Jahren nur einzelne und längst nicht mehr nur gering Qualifizierte. Auch in Charlottenburg sind vor allem Familien und Alleinerziehende betroffen. „Drei oder vier Kinder kann man sich nur leisten, wenn man reich oder sehr arm ist“, sagt Ender. Sozialhilfe-Kinder würden aber auch als Erwachsene nur selten den Aufstieg schaffen.

Ender fordert, dass gerade in den Kiezen mit vielen Armen mehr Geld in soziale Projekte investiert wird. „Aber sehenden Auges wird nur noch gestrichen.“ Enders Fazit: „Wir haben Jugendliche im Kiez, die sind noch nie aus ihrem Bezirk rausgekommen. Die haben noch nie das Meer gesehen. Wenn die Jugendlichen im Westend in die Klavierstunde gehen oder zum Tennis, gehen unsere Kinder in die Psycho-Therapie.“

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