Nußbaums Antrittsbesuch : "Du bist berühmt, wa?"

Ulrich Nußbaum hat sich in Mitte umgeschaut – dort, wo keine Touristen hinkommen. Am Montag besuchte er eine Anlaufstelle für Drogenabhängige.

Rita Nikolow
Nussbaum
Bei seiner Rundfahrt durch den Bezirk Mitte besichtigte Finanzsenator Ulrich Nußbaum auch die "Birkenstube" in Moabit. -Foto: Thilo Rückeis

Der Neue wollte in die Birkenstube. So heißt die Einrichtung, die sich Berlins Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos) für seinen Antrittsbesuch im Bezirk Mitte ausgesucht hat.

Die Birkenstube ist eine Anlaufstelle für Drogenabhängige – mitten in Moabit. Also dort, wo der Bezirk Mitte weniger hübsch ist als am Brandenburger Tor oder dem Gendarmenmarkt. Politiker Nußbaum will so gar nicht in diese Kulisse hineinpassen. Er trägt einen dunklen Nadelstreifenanzug mit weißem Einstecktuch und polierte Schuhe. Und sieht damit in jedem Fall aus wie jemand, dem die Probleme fernliegen, mit denen die „Kunden“ der Birkenstube täglich zu kämpfen haben.

Aber Nußbaum hat viel Interesse mitgebracht zu seinem Antrittsbesuch. Und die Fragen, die er dem Projektleiter Jan Czyborra stellt, schießen geradezu aus ihm heraus: „Bekomme ich denn hier meine Drogen und nehme sie dann in Anwesenheit eines Arztes ein?“, will er wissen. „Nein, die Drogen kaufen sie illegal, und sie können sie hier konsumieren, wir haben auch medizinisches Personal vor Ort“, antwortet Czyborra.

Dann will der Finanzsenator wissen, was vor Ort in der Birkenstube konsumiert wird: „Kokain, Heroin und Amphetamine“, antwortet der Projektleiter. Und Nussbaum fragt, ob die sogenannten Partydrogen auch dazugehören – was nicht der Fall ist.

„In meinem Bezirk kann man an jeder U-Bahn-Station Drogen kaufen“, schaltet sich Mittes Bezirksbürgermeister Christian Hanke (SPD) in die Unterhaltung ein. „Wirklich?“, fragt Nußbaum erstaunt. Und wundert sich kurze Zeit später darüber, dass in Berlin gebrauchte U-Bahn-Tickets oft illegal weiterverkauft werden. Wodurch sich auch viele Drogenabhängige finanzieren.

Zeit, mit Abhängigen zu sprechen, hat der Finanzsenator nicht. Denn auf seinem Zettel stehen noch der Besuch eines Theaterstücks und einer erfolgreichen türkischen Bäckerei. Trotzdem fragt Nußbaum den Projektleiter, ob dieser überhaupt von seiner 75-Prozent-Stelle leben könne. „Das ist schon schwierig“, sagt Czyborra. Damit geht es ihm eigentlich wie dem Bezirk Mitte – auch, wenn das an diesem Tag nicht das Thema ist. Denn dem Bezirk, der mehr als 25 Millionen Euro einsparen muss, droht im nächsten Jahr die Zwangsverwaltung.

Die Bezirksverordnetenversammlung hat den Haushaltsentwurf Mitte November abgelehnt. Und vor zwei Wochen ist dem Bezirk dann auch noch der Stadtrat für Jugend und Finanzen, Rainer-Maria Fritsch (Linke) abhanden gekommen. Er ist zum Staatssekretär der neuen Sozialsenatorin Carola Bluhm (Linke) aufgestiegen.

Nußbaum tritt aus der Birkenstube, und ein Mädchen mit einem Gurkenglas im Arm interpretiert den Menschenauflauf um ihn herum richtig und fragt nach einem Autogramm. „Du bist berühmt, wa?“, sagt sie. Nußbaum unterschreibt und steigt in den Bus. Das Mädchen läuft glücklich davon.Rita Nikolow

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben