Berlin : O je, du fröhliche

Erst Geschenkestress, dann Familienkrach, gefolgt von Völlerei sowie Bewegungsmangel – und schließlich brennt der Baum. Weihnachten kann gefährlich werden! Aber keine Sorge: Diese Experten weisen Wege aus den Fest-Fallen

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Schenken ohne Stress – ein Stressforscher erklärt, wie man das Fest ohne Druck vorbereiten kann.

Alle Jahre wieder verfallen viele Menschen vor Weihnachten in Dauerhektik. „Meistens sind das Wiederholungstäter“, sagt Peter Walschburger, Professor für Psychologie an der FU Berlin, der Stress auf körperlicher und psychologischer Ebene untersucht. Hohe Ansprüche und Wünsche an das Fest treiben diese Menschen dazu, sich mit dem Organisieren und Vorbereiten zu übernehmen. „Generell ist es nicht so, dass Weihnachten gleich eine Krisensituation darstellt“, sagt Walschburger, aber Festzeit und Vorbereitungen können anspruchsvolle Aufgaben sein. Am Anfang sehen viele dies als Herausforderung, aber wenn sich jemand überfordert, kippt oft die Situation. „Man wird reizbar, mürrisch, negative Gefühle nehmen überhand. Kommt noch ein Gefühl von Hilflosigkeit dazu, ist es höchste Zeit, innezuhalten und sich zu entspannen“, sagt der Psychologe. Raus, an die frische Luft gehen, Sport machen oder Entspannungsübungen wie autogenes Training. Das helfe auch, der Reizüberflutung in den Wochen vor Heiligabend aus dem Weg zu gehen. Grelles Licht, viele Menschen, Waren an jeder Ecke, dudelnde Weihnachtsmusik können nerven. Walschburger rät zum Etappen-Shopping: „Man sollte sich immer nur etwas Kleines in der Stadt für zwei Stunden vornehmen und danach etwas essen oder in ein Café gehen, um sich so für seine Mühen zu belohnen.“

Und er empfiehlt, Aufgaben zu verteilen. Soll doch der Besuch einen Teil zum gemeinsamen Abendessen beisteuern und zum Beispiel den Salat mitbringen. Schließlich muss nicht jedes Weihnachtsfest nach demselben Muster ablaufen.

Feiern ohne Streit – eine Familientherapeutin erklärt, wie man den Frieden bewahrt.

Familientherapeuten haben nach dem Fest Hochsaison. Die Feiertage sind nämlich ein Ausnahmezustand, weil die Ansprüche sehr hoch sind: Frieden, Harmonie und Glücksgefühle sollen sich einstellen. „Umso mehr wirken Misstöne in dieser Zeit auf die Psyche“, sagt die Paar- und Familientherapeutin Marie-Luise Cohen vom Berliner Context Institut. Klassische Streitpunkte sind Schwiegereltern, die an der Einrichtung oder dem Essen herummäkeln, oder unterschiedliche Vorstellungen, wie gefeiert werden soll. In Berlin sei gerade der zweite Punkt ein großes Problem, weil es viele Patchwork-Familien gibt. Da hängt der Haussegen schief, wenn Mutter und Sohn Weihnachtslieder gewohnt sind, Stiefvater und -schwester es aber unkonventioneller mögen.

Kommunikation ist das A und O, um Probleme zu lösen – wenn sie funktioniert. „Frauen neigen in Konflikten zum Beispiel oft dazu, Kritik zu üben, sie werden heftig und laut dabei“, erklärt Cohen. Dabei merkten sie nicht, dass sie den Partner nicht erreichen. „Männer hingegen schalten oft auf stumm, ziehen sich zurück und haben keine Ahnung, wie das auf die Frau wirkt.“ Die beginne dann eine Verfolgungsjagd.

Die Muster lassen sich nach Cohens Meinung durchbrechen, indem Frauen nicht gleich lospoltern, wenn ihnen an Weihnachten etwas nicht passt, sondern erst mal eine Runde um den Block gehen. Finden sie danach noch, sie müssten das Problem ansprechen, dann sollten sie ruhig reden und Wünsche positiv formulieren. „Männer hingegen sollten sich über ihre Wünsche bewusst werden, um diese auch kommunizieren zu können“, rät die Therapeutin. Dabei gilt: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Wer aus Rücksichtnahme etwas anderes tut, als er will, der sorgt vielleicht dieses Weihnachtsfest für Ruhe, aber „spätestens nach vier Festen gibt es doch Krach“.

Festlich essen, ohne dick zu werden – eine Ernährungswissenschaftlerin erklärt, wie man gut, aber kalorienarm kocht.

Zum Weihnachtsritual gehört reichliches Essen. „Das macht den Gemütlichkeitsfaktor aus“, sagt Uta Hille, Diplom-Ernährungswissenschaftlerin und Ernährungsberaterin mit Zertifikat der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. „Allerdings tappt man immer in zwei Fallen: fette Festtagsessen wie Gans und das ständige Naschen von Keksen, Stollen, gerösteten Mandeln und Kuchen.“

Die Gans ist das kalorienreichste Geflügel mit über 30 Prozent Fett. Und viel Fett ist nicht nur schlecht für die Linie, es belastet auch die Verdauung – Folge: Magendrücken und Sodbrennen. Die Weihnachtsgans ließe sich gut durch weitaus fettärmere Tiere wie Fisch, Pute, Kaninchen oder Hähnchen ersetzen. Wer traditionell essen möchte, der kann die Gans bekömmlicher zubereiten: Man könnte das an der Oberfläche schwimmende Fett nach dem Braten einfach ablöffeln, schlägt Hille vor. „Die Sauce wird dann mit saurer Sahne, die nur zehn Prozent Fett enthält, sämig gemacht.“ Oder: als Beilage nicht Kroketten, Pommes oder Kartoffelpuffer servieren, sondern Klöße, besser noch Salzkartoffeln. Rotkohl nicht mit Fettschwarte, sondern mit Schinken und Öl anmachen. Zum Nachtisch Obstsalat oder Quarksoufflé statt Sahnecreme oder Eis. Stollen kann durch Obsttorte ersetzt werden. Und mit gerösteten Mandeln sparsam umgehen: Eine kleine 100-Gramm-Tüte enthält mit 600 Kalorien schon so viel Energie wie eine ganze Mahlzeit.

Auch für Fans der Völlerei hat die Ernährungsberaterin einen Tipp: „Mahlzeiten zusammenlegen.“ Den Kuchen gleich nach dem Mittagessen statt nachmittags servieren – so esse man weniger davon. Oder vor der Gans eine Gemüsesuppe oder einen Salat auftischen, dass man schon halb satt ist. Ein schlechtes Gewissen ist nicht unbedingt nötig: „Wer sich vor und nach Weihnachten vollwertig mit viel Obst und Gemüse, Nudeln, Reis und Kartoffeln ernährt, der kann ruhig mal drei Tage lang zuschlagen.“

Ausruhen ohne auszuflippen – ein Sportmediziner erklärt, wie man sich trotz Familienbelagerung Bewegung verschaffen kann.

Es gilt für alle das gleiche Gesetz: Wer viel isst und sich nicht bewegt, nimmt zu. „Wenn nach den Feiertagen ein bis zwei Kilo mehr auf den Hüften lasten, dann ist das schon eine Menge“, sagt Folker Bolt vom Zentrum für Sportmedizin in Berlin. „Um das wieder herunterzubekommen, muss man viel Fitness betreiben.“

Am besten sollte sich Fett gar nicht erst als Bauchansatz oder Hüftpolster ablagern. Ist es erst gespeichert, lässt es sich schwer wieder mobilisieren. Kohlenhydrate und Fette sollten direkt verbrannt werden. Sportmediziner Bolt rät daher „während der Weihnachtstage seinen Energiehaushalt zu erhöhen“. Man muss sich mehr bewegen.

Schwimmen, Radfahren, Joggen oder Walken eignen sich am besten, aber jeder soll sich nach seinen individuellen Neigungen richten, damit es Spaß macht. Manchen liegt ein Gang über den Golfplatz oder ein Ausritt mehr, und auch das bringt den Körper in Schwung. Wichtig ist, dass man sich moderat, aber dafür länger bewegt. „Am besten einmal vormittags und einmal nachmittags mindestens für eine halbe Stunde“, sagt Bolt. Ältere Menschen oder jene, die sich nicht fit fühlen, könnten eine Stunde lang spazieren gehen. Auf keinen Fall soll das in hartes Training ausarten, schließlich dienen die Feiertage dazu, sich zu erholen. „Eine durchschnittliche Anstrengung, bei der man ein bisschen schwitzt, aber sich nicht erschöpft fühlt, hilft Stressreaktion im Körper abzubauen“, so Bolt. Das braucht der Körper, der während der Feiertage in Aufruhr gerät. Viel essen ist nämlich anstrengend: Der Körper schüttet vermehrt Stresshormone aus, der Blutdruck steigt, ebenso Blutzucker und -fette, der Stoffwechsel ist erheblich.

Mit Kerzen zündeln ohne Risiko – ein Verbrennungsexperte erklärt, was man macht, wenn trotzdem was passiert.

Der Weihnachtsbaum ist heute selten schuld, wenn’s brennt, weil an ihm fast nur noch elektrische Kerzen brennen. Der Auslöser für einen Wohnungsbrand ist eher der Adventskranz, wenn Wachskerzen die Mischung aus trockenen Zweigen und Blättern entzünden. „Im Winter gibt es aber generell eine leichte Steigerung an Brandverletzten“, sagt Bernd Hartmann, plastischer Chirurg am Unfallkrankenhaus Berlin in Marzahn, das Schwerbrandverletzte versorgt. Das liege zum einen an den Kerzen, aber auch an Teekannen oder Inhalationsgeräten, die mit ihrem brühend heißen Inhalt umkippen. Aber egal, ob Verbrennung oder Verbrühung, nach einem Unfall gilt eine Regel: die Stelle so schnell wie möglich kühlen. Die Hitze muss aus der Haut gezogen werden, sonst schädigt sie weitere Zellen. „18 Grad kühles Leitungswasser reicht aber vollkommen“, sagt Hartmann. Das sei vor allen Dingen für Kinder besser, da bei noch niedrigeren Temperaturen eine Auskühlung drohe.

Bei einer Verbrennung ersten Grades ist die Haut rot und tut weh, so wie bei einem Sonnenbrand. Entstehen große Blasen in der Wunde und tut es höllisch weh, dann ist das der zweite Grad. Bei einer Verbrennung dritten Grades schmerzt die Wunde selbst nicht mehr, sondern nur die Randbezirke schmerzen. Hautzellen und Nerven sind komplett zerstört.

„Der Laie kann dies aber nicht unterscheiden“, sagt Hartmann, und daher sollte die Wunde nach ausgiebigem Kühlen trocken und steril verbunden werden. Dabei Finger weglassen von Hausmitteln wie Honig, Mehl oder Zahnpasta. „Die nützen nichts, und der Arzt muss sie nur wieder aus der Wunde kratzen.“ Besonders, wenn Gesicht, Genitalbereich, die großen Gelenke, Hände oder Füße betroffen sind, sollte man immer einen Mediziner aufsuchen, weil Brandblasen Narben hinterlassen können. Das kann an diesen Stellen entstellen und dauerhaft schmerzhaft sein.

aufgezeichnet von Wiebke Heiss

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