O2 World : Kein Appetit aufs Filetstück

Vor drei Jahren wurde die O2-World eröffnet. Seither kamen vier Millionen Besucher. Doch das neue Viertel drumherum kommt nicht so recht voran.

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Stern an der Spree.
Stern an der Spree.Foto: ddp

Das hat die Helfer hinter den Kulissen Nerven gekostet. Herbert Grönemeyer gab das erste Konzert in der O2-World, kurz nach deren Eröffnung am 10. September 2008. Die Fans waren außer sich vor Begeisterung, ihr Star wollte gar nicht mehr aufhören bis weit nach Mitternacht. Schließlich fehlte den Bühnenarbeitern nachts eine Stunde, um die Arena für ein Eishockeyspiel umzubauen. Es hat dann gerade noch geklappt. Inzwischen sind solche Situationen Routine geworden. Mehr als 130 Veranstaltungen finden jährlich statt. „Bei uns läuft’s rund“, sagt O2-World-Chef Mike Keller.

Mit dem Bau des geplanten neuen Stadtviertels drumherum geht es dagegen langsamer voran als erhofft. Und der Konflikt mit Bewohnern der Nachbarkieze, die das Projekt der Anschutz Entertainment Group am Friedrichshainer Spreeufer als Fremdkörper sehen, ist noch längst nicht gelöst.

Genau drei Jahre ist es an diesem Wochenende her, dass der Regierende Klaus Wowereit (SPD) die O2-World bei der Eröffnungsfeier euphorisch lobte. „Die Sport- und Kulturstadt Berlin gewinnt einen einzigartigen Schauplatz“, sagte er. Die Arena werde „der Gravitationspunkt für die Entwicklung eines neuen lebendigen Stadtquartiers“ sein. Das war auch gegen 1000 Protestler der Initiative „Mediaspree versenken“ gerichtet, die zeitgleich gegen die „Monsterhalle“ aufmarschierten.

Hallenchef Mike Keller ist seit Grönemeyers legendärer Show in der O2-World dabei. Erst als General Manager, seit Januar 2011 führt er die Geschäfte. Wenn er Besucher durchs Haus führt, beschleunigt die „Erfolgsstory der O2-World“, wie er sagt, sichtlich seine Schritte. Im Foyer, das wie die Eingangshalle eines Flughafens wirkt, hält der 44-Jährige inne. „Viel Glas, viel Licht, das kommt gut an.“ Dann öffnet er eine Suite mit Bar im oberen Rang, reserviert für zwölf Besucher. Die meisten dieser exklusiven Ausgucke haben Berliner Firmen für ein- bis drei Jahre fest gemietet, samt VIP-Eingang und aller Tickets. Für Keller ist auch das ein Zeichen, „dass wir beim Publikum in Berlin angekommen sind.“

Etwa 120 Veranstaltungen brauche man pro Jahr, um als privat finanzierte, zuschussfreie Halle profitabel zu sein, hatten die Anschutz-Planer anfangs betont. Das bezog sich auf die Erfahrungen mit ihrem weltweiten Hallenimperium, zu dem auch das Staples Center in Los Angeles, „The O2“ in London oder die Hamburger O2-World gehören. Inzwischen hat die zweitgrößten Multifunktionshalle Deutschlands diese Marke schon übersprungen. Vier Millionen Besucher kamen seit 2008, das sind durchschnittlich 10 000 pro Veranstaltung bei insgesamt 17 000 Sitz- und Stehplätzen.

Abgesichert hat Anschutz diesen Schnellstart mit dem Kauf der Eisbären und von Alba Berlin. Seit ihm beide Clubs gehören, ist die O2-World deren Heimspiel-Arena. Doch auch bei den internationalen Konzertagenturen sei Berlin durch die Halle nun „ganz oben“ angesiedelt, meint Keller. „Megastars wie Lady Gaga wären ohne uns nicht hierher gekommen.“ Berlins weitere Großarenen, die Max-Schmeling-Halle und das Velodrom, haben nur 11 000 Plätze.

Gleich nach der Eröffnung der O2-World gab es im Velodrom und der Max-Schmeling-Halle Krisengespräche. Der Pächter beider landeseigenen Arenen, die Velomax GmbH, fürchtete wegen der Anschutz-Konkurrenz leere Ränge. Da das Land den Betrieb beider Hallen jährlich mit 3,9 Millionen Euro bezuschusst, wurde Kritik laut, mit dem Einsatz für die O2-World habe sich der Senat selbst ein Subventionsgrab geschaufelt. Doch heute sieht man bei Velomax die Situation wieder entspannt. Inzwischen sind die Handballer der Füchse und die Berlin Recycling-Volleyballer fest in die Hallen gezogen. Und in puncto Kultur sei man für 2012 schon gut gebucht.

Spätabends, wenn tausende Besucher aus der O2-World strömen, ärgert sich Carsten Joost von der Mediaspree-Initiative besonders heftig über die Halle. „Dann ist hier Verkehrschaos“, schimpft er. Senat und Anschutz-Group halten dagegen, schon bis zu 50 Prozent der Besucher kämen mit Bussen und Bahnen. Weil sie nicht locker ließen, erreichten die Protestler bereits, dass die Lichtintensität der riesigen LED-Reklametafeln der O2-World halbiert wurde. Doch inzwischen konzentriert sich ihre Kritik auf das neue Stadtquartier, das an der Halle zwischen Warschauer und Mühlenstraße, Bahntrassen und dem Alten Postbahnhof auf 20 Hektar entstehen soll.

Anschutz hat das Gelände komplett erworben, nur Erschließung und Straßenbau wurden mit 23 Millionen Euro aus EU-Töpfen gefördert. Nun sucht die Entertainment Group Investoren. Als erstes Unternehmen baut der Daimler-Konzern im Südwesten seine neue Vertriebszentrale für Mercedes-Benz. Die Erdarbeiten sollen im Herbst beginnen – und 2013 sollen dann 1200 Mitarbeiter vom Potsdamer Platz zum Spreeufer umziehen. Ärger gab es allerdings schon wegen der Höhe und Fassade des ersten Entwurfs für das Hauptgebäude. „Zu glatt, strukturiert wie ein Kühlergrill“, hieß es. Inzwischen hat das Architekturbüro „Gewers & Pudewill“ die Außenansicht überarbeitet. Das Gebäude wirke jetzt „aufgelockerter“, wird versichert. Und die Höhe von 50 Metern hat der Bezirk endgültig genehmigt.

Ansonsten vermeldet Anschutz noch keine weiteren Erfolge. Wie berichtet, soll östlich von Daimler ein Entertainment-Center mit Kinos und Läden entstehen. Vor dem Hallenfoyer ist eine Piazza vorgesehen. Und zur Warschauer Straße hin können zwei Hochhäuser errichtet werden mit 90 und 130 Metern Höhe. Insgesamt müssen in allen Neubauten 200 Wohnungen entstehen. Den Kritikern reicht das nicht aus. Sie halten die mögliche Bebauung ohnehin für „viel zu dicht“.

Möglicherweise wird die jetzige Brache noch eine ganze Weile Raum bieten für umstrittene Visionen. Kreuzbergs Bürgermeister Franz Schulz (Grüne) hat den Eindruck, dass „die Investorensuche schwieriger geworden ist“. Es gehe langsamer voran, das Filetstück am Spreeufer habe seit 2008 kräftig Konkurrenz bekommen. „Attraktive Entwicklungsgebiete kamen hinzu wie am Hauptbahnhof oder in Schönefeld.“

Bei Anschutz glaubt man aber weiter an die eigene „Toplage“ und setzt auf den Trendsetter Daimler. „Andere werden nachziehen“, heißt es. „Wir führen Gespräche mit ernsthaften Interessenten.“

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