Obama in Berlin : Auf Wahlfang

Ein Blues-Sänger und ein Jurist mobilisieren Berliner Amerikaner für Obama

Daniela Martens

Fast wäre der große weiße Sonnenschirm mit einer heftigen Windböe davonsegelt. Aber Robin Hemingway umklammert ihn fest. „Ich hab’ geahnt, was du vorhattest“, brummelt er dem Schirm zu. Der Gendarmenmarkt ist wie leergefegt. Dicke Tropfen prasseln aufs Pflaster. Kein potenzieller US-Wähler in Sicht. Hemingway beginnt zu singen: „We’re standing in the rain.“ Der Mann neben ihm, Donald R. Black, hält in jeder Hand einen aufgespannten Regenschirm und stimmt in die Melodie des alten Gene-Kelly-Songs ein – ebenfalls mit abgewandeltem Text: „For Obama again.“

Das bisschen Wasser kann die beiden Amerikaner nicht von ihrer Mission abhalten: Wähler für den US-Präsidentschaftskandidaten Barack Obama gewinnen. Zwischen zwei Stehtischen haben sie ein wasserfestes Banner aufgehängt: „Obama ’08“ steht darauf. Ihre Ausrüstung ist sicher in einer jener rollenden Einkaufstaschen verstaut, die man despektierlich „Hackenporsche“ nennt: Darin sind vor allem Formulare, mit denen sich US-Bürger für die Wahl registrieren können.

Black und Hemingway leben seit rund 20 Jahren in Deutschland. Sie sind ein auffälliges Gespann: Der kleinere Black ist Anfang 50 und weiß. Über seinem stattlichen Bauch im gestreiften Hemd spannen sich knallrot gemusterte Hosenträgern. Auf dem Kopf hat er ein Basecap voller Wahlkampfbuttons. „So würde ich sonst nicht herumlaufen. Aber auffällige Outfits gehören in Amerika zum Wahlkampf dazu“, sagt Black.

Der große Schwarze Hemingway trägt über einem Obama-T-Shirt ein Sakko mit Goldknöpfen, sehr kurze Shorts, deren Bund er weit über den Bauchnabel gezogen hat und Kniestrümpfe. „So ähnlich sehe ich eigentlich immer aus“, sagt der 67-Jährige, der sich selbst „an old piece“ nennt. Ein alter Knochen. Sein speckiger Strohhut voller Löcher fliegt ihm immer wieder vom Kopf. Sonst trage er einen heilen. „Aber so kommt Luft an den Kopf.“ Hemingway hatte die Idee, all jene, die sonst vielleicht nicht zur Wahl gingen, zu mobilisieren. Und gründete am 3. Juni bei einer „Victory-Party“ für Barack Obama die Organisation ABBO (Americans In Berlin-Brandenburg for Obama) – spontan mit ein paar Freunden in einer Kneipe.

Black, Mitglied der „Democrats abroad“ war damals nicht dabei. Aber Hemingway war klar, dass er ihn unbedingt brauchte: Black ist Juradozent und habe ein „constitutional mind“, sagt Hemingway. Soll heißen: Er kennt die amerikanische Verfassung und die Gesetze in- und auswendig. Wählen, so lernt man, wenn man Black zuhört, ist in Amerika keine einfache Sache. Und schon gar nicht, wenn man zu den 20 000 bis 30 000 amerikanischen „Expats“ in Berlin gehört. Nur um eine Wahlbenachrichtigung zu bekommen, muss man schon einen komplizierten Antrag ausfüllen. Besonders schwierig an der ganzen Sache: Die Suche nach dem richtigen Bezirk in Amerika, an den das Formular geschickt werden muss.

Und was ist nun genau Hemingways Funktion in der Kampagne? „Ich bin der Blues-Sänger. Ich bin für die Leidenschaften des Lebens zuständig.“ Wenn er gerade nicht mit seinem „Blackriders Orchestra“ auftritt, schreibt er politische Songs: zum Beispiel für Bush einen „Blues for Baghdad“.

Erst einen Amerikaner haben die beiden Wahlfänger an diesem Tag „geangelt“. Dabei sind sie seit drei Stunden auf dem Gendarmenmarkt. Das findet Hemingway keineswegs frustrierend. „Eine einzelne Stimme kann die Wahl entscheiden.“ Für beide ist klar: „Für Hillary Clinton würden wir zwar auch hier stehen, aber nicht im Regen.“ Daniela Martens

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