Berlin : Obdachlose "besuchen" Hotel Kempinski

Michaela Heissenberger

Trotz einiger Schwierigkeiten mit der Drehtür ist die Halle des Hotel Kempinski im Handumdrehen erstürmt. Etwa 50 Obdachlose drängeln durch die Türen und am Empfangspersonal vorbei. Ein Transparent wird entrollt: "Krieg den Hütten - Paläste für alle." Gerald Denkler, ein Mitarbeiter der "Straßenzeitung", informiert Hotelgäste und Personal per Megaphon über die Absichten der ungebetenen Gäste: "Wir besetzen jetzt dieses Hotel."

"Wat is dat denn?" fragt eine der gepflegten Damen der hauseigenen Parfümerie ganz entgeistert. Hinter der Rezeption fasst sich eine andere vielsagend an die Nase. Sofort versucht der Portier in Cape und Zylinder, dem Sprecher das Megaphon zu entwinden. Es entsteht ein kleines Handgemenge, in das auch der geschäftsführende Direktor, Manfred Nissen, eingreift. Die Rangelei erlahmt schnell am mangelnden Widerstand der Besetzer.

Die Polizei geleitet die Demonstranten schlussendlich vor die Tür. Dort eignet sich das große Messingpult des Portiers vorzüglich für die Reden, die drinnen nicht gehalten werden konnten. 347 Betten in Notunterkünften gebe es im Winter in Berlin, dazu 91 Schlafplätze in den sogenannten Nachtcafes. Damit ist der Bedarf der Obdachlosen, deren Zahl der Senat auf 2000 bis 4000 schätzt, bei weitem nicht gedeckt. Die Kältehilfe läuft zum 1. April aus, dann stünden nur noch 162 Betten und 58 Notbetten zur Verfügung, ab 31. April auch diese nicht mehr. Dann soll nach Ansicht der Bezirksverwaltungen, die die Kältehilfe bezahlen, Sommer sein. Noch regnet es.

Bald löst sich auch die Demonstration vor den Türen auf. Eines der jungen Mädchen von der Rezeption pickt eine Kippe und ein paar Grashalme von den Basaltstufen des Eingangs. Die Hotelleitung verzichte auf eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs, erklärt der Einsatzleiter der Polizei, Gert Weesselmann. Die Anzeige wegen Verstoßes gegen das Veranstaltungsgesetz erfolge automatisch, fügt er fast entschuldigend hinzu: "Die Obdachlosen sind eigentlich nicht die, die Ärger machen." Die rastabezopften jüngeren Mitdemonstranten verzieren derweil kichernd die nassgeregneten Einsatzwagen mit Plakaten: "Es sind noch Betten frei!" Das finden nicht nur die Jungen Linken komisch.

Dennoch kommt es im letzten Moment noch zu einer Festnahme. Aktivist Oliver Liga wird an der U-Bahn-Station Uhlandstraße festgenommen. Er soll den Portier des Kempinski angegriffen haben. Ein anderer soll den Portier als "Penner" bezeichnet haben und muss seine Personalien herausgeben. Er findet, dies sei kein Schimpfwort - schließlich ist er selbst Verkäufer einer "Pennerzeitung".

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