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Obdachlose in der Hauptstadt : Berliner Kältehilfe ist gestartet

1000 Schlafplätze wollen die Berliner Wohlfahrtsverbände in der kalten Jahreszeit für Menschen ohne Unterkunft einrichten. Das reicht nicht für die 4000 bis 6000 Obdachlosen.

von und Johannes Drosdowski
Damit keiner auf der Straße schlafen muss: Am heutigen Mittwoch startet die Berliner Kältehilfe.
Damit keiner auf der Straße schlafen muss: Am heutigen Mittwoch startet die Berliner Kältehilfe.Foto: Paul Zinken/dpa

Mit den sinkenden Temperaturen startet am Mittwoch zum 28. Mal die Berliner Kältehilfe für Obdachlose. Bis Ende März soll ein Netzwerk aus Notübernachtungen und Nachtcafés dafür sorgen, dass Menschen ohne Unterkunft einen warmen Schlafplatz finden. Organisiert wird das Netzwerk von Caritas, Diakonie, Kirchengemeinden und dem Deutschen Roten Kreuz.

Am Vormittag informierten sie auf einer Pressekonferenz über Details und stellten gleichzeitig die Kältehilfe-App vor, die Sozialarbeiter, Obdachlosen und Bürger helfen soll, schnell und einfach Übernachtungsplätze für von Kälte bedrohte Menschen zu finden.

Der Kältehilfe-Plan für 2017/18

689 Plätze für Notübernachtungen bietet die Kältehilfe seit Mittwoch an. 141 davon sind Plätze, die das ganze Jahr über bestehen. Doch im Laufe der Saison sollen noch rund 400 Plätze hinzukommen. Diakonie, Caritas und die Kirchen wollen in dieser Saison endlich die 1000 Plätze für Obdachlose einrichten, die schon im Vorjahr angestrebt und nicht erreicht wurden und sogar im rot-rot-grünen Koalitionsvertrag als Ziel festgeschrieben sind.

Die Wohlfahrtsverbände für Berlin gehe aktuell jedoch von 4000 bis 8000 Menschen aus, die auf der Straße, in Parks oder Abrisshäusern leben. Niemand könne diese Zahl genau benennen, denn statistische Erhebungen gibt es - zum Verdruss der Verbände - für Berlin bislang nicht.

So fordert etwa die Caritas-Direktorin Ulrike Kostka Klärung darüber, wie viele Obdachlose welche konkrete Hilfeleistungen bräuchten, um unter allen Wohlfahrtseinrichtungen entsprechende Aufgaben verteilen zu können. Die geografische Lage und die Ausstrahlungskraft Berlins würde viele Menschen anziehen. „Doch wir können nicht nur von der EU-Binnenwanderung profitieren und die Schattenseiten ausblenden. Wir müssen uns auch der sozialen Verantwortung stellen und Menschen helfen, die in Not geraten sind.“

Platzprobleme

In der vergangenen Kältesaison standen insgesamt 26 Notübernachtungsstätten und 14 Nachtcafés zur Verfügung. Im Durchschnitt boten sie 769 Schlafplätze an, in ihrer stärksten Phase waren es 925. Angenommen wurden sie von Obdachlosen stets gut: Die Auslastung lag bei über 90 Prozent. Die Schwankungen im Platzangebot entstanden vor allem dadurch, dass zu Beginn der Saison noch nicht alle Einrichtungen geöffnet hatten.

Dieses Jahr kamen etwa erst im Februar und März 100 Plätze in einem Hangar auf dem Tempelhofer Feld hinzu. Dass das Angebot erst im Winter wächst ist jedoch keine Seltenheit für die Kältehilfe.

Die Bezirke reden mit

Auch die Bezirke müssen den Kältehilfe-Plätzen erst zustimmen. Sie haben ein starkes Mitbestimmungsrecht. „Viele Bezirke stoppen momentan die Errichtung von Kältehilfeplätzen“, so Robert Veltmann, Geschäftsführer der Gebewo, die das Kältehilfe-Telefon betreut und zusammen mit dem Start-up BIM Zweipunktnull die App entworfen hat. „Sie legen gewissermaßen eine Art Obergrenze fest.“

Eine dieser Grenzen wird auch von Jutta Kaddatz (CDU) vertreten. Die Bezirksstadträtin in Tempelhof-Schöneberg und Leiterin der dortigen Abteilung für Bildung, Kultur und Soziales hat bereits vor zwei Wochen in einem Gespräch mit dem Tagesspiegel erklärt, diese „natürliche Grenze nach oben“ liege bei 100 Personen.

„Wir haben als Bezirksamt Befürchtungen und Erfahrungen“, so die Bezirksstadträtin. Die Zielgruppe sei „nicht ganz so einfach“. Einhundert Plätze sind für Raddatz ein sozial verträglicher Rahmen, für die Obdachlosen und die Umgebung: Viele Obdachlose unterbringen, die laut Raddatz auch tagsüber in der Gegend bleiben? „Das läuft in der Nachbarschaft nicht immer konfliktfrei ab.“ Diese Konflikte wolle man vermeiden.

Doch eine schnelle Aufstockung der Plätze scheint nötig. die Kälte kommt. In der ersten Nacht der Kältehilfe 2017/18 sollen die Temperaturen in Berlin bereits auf sieben Grad fallen. „Ab fünf Grad“, weiß Veltmann, „wollen die Leute nach drinnen.“

Fehler im System?

Für Barbara Eschen, Direktorin der Diakonie Berlin-Brandenburg, hat jedoch nicht die Kältehilfe die Aufgabe, die Misere Obdachlosigkeit zu lösen. Das Problem liegt laut ihr im Hilfesystem für Obdachlose, zu dem die Kältehilfe nicht gehöre. „Sie ist reine Überlebenshilfe für Menschen, die vom regulären Hilfesystem nicht erreicht werden können“, so Eschen. Die Kältehilfe könne und dürfe die Fehler im System nicht ausbügeln. Eschen forderte am Mittwoch deshalb mehr begleitende Beratungsangebote und Maßnahmen für wohnungslose Menschen.

Kostka sieht zusätzlich auch das Problem, dass die Wohnungsnot in ganz Deutschland die Mitte der Gesellschaft erreicht habe. Für sie ist deswegen klar: „Die Politik gegen Wohnungslosigkeit gehört ins Kanzleramt.“ Es mache keinen Sinn, aktuelle Probleme mit Verdrängung und Vertreibung lösen zu wollen. „Wir brauchen keine Flickschusterei oder populistischen Aktionismus. Wir müssen Antworten auf komplexe Problemlagen finden.“

Die Debatte um Obdachlose vor allem im Tiergarten ist in den vergangenen Wochen, ausgelöst durch den Mord an der Kunsthistorikerin Susanne Fontaine, heftig debattiert worden. Das wilde Camp im Tiergarten ließ der Bezirk Mitte durch Ordnungsamt und Polizei in der vergangenen Woche räumen. Nun soll eine bezirksübergreifende "Task Force" ein gesamtstädtisches Konzept zum Umgang mit der Obdachlosigkeit erarbeiten. (mit epd)

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