Berlin : Obdachlosen-Theater: Unter dem Matratzenberg

Katharina Körting

Wie eine schwebende Erinnerung aus den hoffnungsvollen 70er Jahren überspannt der Sozialbau die Adalbertstraße. Der langgestreckte Raum über der Straße wird zur Bühne. Die Decke ist löchrig, die grauen Betonwände kahl. Aus den Fenstern kann man das Treiben unten beobachten. Stillstand und Auszeit drinnen, draußen die Bewegung und das Leben - der Aufführungsort ist bewusst gewählt. "Du musst aufstehen", ruft der Obdachlose Gerd. "Ich kann nicht", antwortet die Obdachlose Jana. "Du willst nur nicht", behauptet Gerd. Jana sagt leise: "Schon gut." Gut ist aber gar nichts. Denn Jana hängt bäuchlings auf dem Bett, auf ihr liegen schwer acht Matratzen: Ohne Hilfe kann sie sich nicht befreien. Jana ist "Alice im Bett", in dem Stück der Amerikanerin Susan Sontag. Die Schauspieler sind Obdachlose aus Kreuzberg und Umgebung, fünf Frauen und vier Männer, die vorher noch nie auf der Bühne standen. Die Koproduktion des Obdachlosen-Vereins "Ratten" und der Volksbühne am Luxemburgplatz hat heute Premiere im Zentrum Kreuzberg.

"Zuerst wollte ich nicht mitmachen", erzählt Jana. Nun ist sie die Hauptdarstellerin.Sie bezeichnet sich als Zigeunerin, eine Roma aus Prag, seit fünf Jahren in Deutschland. "Ich kenne die Situation, wenn man nicht aufstehen will", sagt Jana. "Und ich bin auch so anarchistisch wie Alice." Die Regisseurinnen Antje Wenningmann und Christine Umpfenbach haben Sontags Stück umgedeutet: Aus der Bildungsbürgerin, die mit der Leistungsgesellschaft nicht klar kommt und sich ins Bett flieht, wird bei ihnen eine Obdachlose, die auf Matratzen ihr dumpf-rebellisches Dasein fristet.

"Das Stück hat viel mit Verweigerung zu tun", erklärt Wenningmann. Mit der Unfähigkeit, sich anzupassen. Und mit Verstecken. "Anders als bei Männern sieht man obdachlosen Frauen selten an, dass sie auf der Straße leben", meint Umpfenbach, "sie sind fast alle gepflegt und zeigen aus Stolz oft nicht mal ihren Sozialhilfeausweis." So werden sie als Benachteiligte kaum wahrgenommen: Frauen, die jeden Tag versuchen, wieder aufzustehen, auch wenn es keinen Grund dafür gibt. "Alice weiß nicht, wohin mit ihrem Eigensinn und ihrer Aggressivität", sagt Wenningmann. Also vergräbt sie sich unter einem Matratzenberg. Ihre Lethargie zeigen die Regisseurinnen als Revolte.

Vor acht Wochen haben sie angefangen, Schauspieler zu suchen, sind durch Noteinrichtungen und Wärmestuben getingelt, um die Frauen für den Gang auf die Bühne zu überreden. Seit vier Wochen wird in fester Besetzung geprobt, anfangs mit Improvisationen und Gesprächen über die vielen Wege, die nach unten führen, Missbrauch, Alkohol, prügelnde Männer. "Aber irgendwann haben wir gesagt, Schluss, wir machen keine Therapie", erzählt Wenningmann, "wir arbeiten." Zu Beginn der Proben sprachen die Mitspieler zu leise und undeutlich. Erst nach und nach öffneten sie sich. Die Frauen haben Angst, in die Öffentlichkeit zu gehen", sagt Umpfenbach. In dieser Welt, die nicht ihre ist, in der Leistung zählt und Geld, nehmen sie sich keinen Raum.

Jana, die doch anfangs gar nicht mitmachen wollte, hat durch die Theaterarbeit "etwas völlig Unbekanntes" bei sich selbst entdeckt, die Lust sich zu zeigen, präsent zu sein. Ihre Stimme mit dem leichten Akzent ist kraftvoll und füllt mühelos den Raum. Ihr Körper wirkt wie gelähmt, aber ihre Blicke sind wild und dunkel und traurig. "Du brauchst nicht so nervös zu sein", ruft die Regie Gerd zu, Janas Partner, der mit den tätowierten, dünnen Armen fuchtelt und nicht recht weiß, wie er stehen soll. Gerd entspannt sich ein bisschen. Noch mal von vorne. "Du musst aufstehen wollen", sagt Gerd zu Jana-Alice. "Mehr Power!", ruft Wenningmann. "Bist du nicht neugierig?", brüllt Gerd, "hast du nicht genug von deinem Zimmer?" Am Ende, nach einer guten Stunde, steht Alice endlich auf. Um das Licht auszuschalten. Aber auch, um "ein Stück größer" zu sein.

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