Markus W. hat schwierige Phasen hinter sich

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Obdachlosenzeitungen in Berlin : Schon wieder so einer
Alicia Rust

Markus W. arbeitet an sieben Tagen in der Woche. Immer von 8 bis 13 Uhr verkauft er abwechselnd die Motz und den Straßenfeger. Im Sommer wie im Winter. Unter seinen Kollegen lebt er in einer privilegierten Situation: Im Gegensatz zu den geschätzten 10 000 Wohnungslosen in Berlin insgesamt hat er ein festes Dach über dem Kopf. Eine kleine Einzimmerwohnung in Reinickendorf, die rund 250 Euro Miete warm kostet, von 412 Euro Frührente insgesamt. Schätzungen von Sozialverbänden zufolge leben 2000 bis 3000 Menschen durchgehend auf der Straße, für sie ist der Verkauf der Zeitungen überlebenswichtig. Viele sind krank, psychisch wie physisch, und bräuchten eigentlich erst einmal Hilfe. Andere sind verschuldet. Doch das Misstrauen vieler Bedürftiger gegenüber den Behörden oder ihre Unfähigkeit, sich von diesen helfen zu lassen, ist groß. Etliche haben eine Karriere im Rauschmittelkonsum hinter sich, oder sie stehen aktuell unter dem Einfluss von Drogen, was den Regeln der Herausgeber von Straßenzeitungen nach eigentlich ein Ausschlusskriterium ist. Doch wer möchte so etwas kontrollieren? Und wie? „Wir haben ja keine Verkäuferpolizei“, sagt Chefredakteur Andreas Düllick.

Markus W. hat ebenfalls schwierige Phasen hinter sich: eine von Missbrauch geprägte Kindheit, wie er sagt, zwei abgeschlossene Ausbildungen zum Maler sowie zur Postdienstleistungsfachkraft, jahrelange Jobwechsel, gefolgt von wiederholter Arbeitslosigkeit, persönliche Schicksalsschläge. Als Folge die Sucht. Irgendwann folgte die Einweisung in die Psychiatrie. Auch er ist im Methadonprogramm, welches er demnächst abgeschlossen haben will. Für Markus W. ist der Verkauf von Straßenzeitungen mehr als nur eine Einkommensquelle. „Ich verkaufe ja etwas, das einen Wert hat. Es geht mir nicht um Almosen. Und ich möchte meine Arbeit auch gut machen, denn ich repräsentiere ja damit auch meinen Arbeitgeber.“ Zudem sind seine Tage jetzt strukturiert. „Es kann Katzen und Hunde regnen, ich bin jeden Tag da“, sagt er mit einem verhaltenen Lächeln. Ab und zu erfüllt ihn seine Arbeit auch mit Stolz.

Nach zwei erfolglosen Stunden hält Markus W. immer noch zwei Ausgaben in der Hand. Dann wendet sich das Blatt unerwartet. Kurz vor dem Ostbahnhof drückt ein Fahrgast Markus W. ein paar Cents in die Hand. Warum hat er das gemacht? „Er begegnet mir öfter auf meiner Fahrstrecke“, sagt Reinhold Kosner. „Und es fällt mir jedes Mal auf, wie höflich er seine Zeitungen anpreist.“ Dieser Verkäufer sei nicht so aggressiv und vorwurfsvoll wie viele andere. Eine S-Bahn später hören zwei ältere Damen aus Bochum interessiert zu, als Markus W. seinen Spruch sagt. Mit einem Lächeln drücken sie ihm zwei Euro in die Hand. Für eine Kaffeepause, wie sie sagen. „Solche positiven Erlebnisse haben in letzter Zeit echt Seltenheitswert“, sagt Markus W. Überschwänglich bedankt er sich bei den Touristinnen, bevor die S-Bahn-Tür zuklappt.

Feierabend. Kassensturz: fünf verkaufte Zeitungen in fünf Stunden. Macht 7,50 Euro. Hinzu kamen Spenden. Die Gesamteinnahme sind 13,10 Euro. Keine gute Ausbeute für heute, an besseren Tagen gibt es doppelt so viel. „Aber besser als gar nichts“, sagt Markus W., und steigt in die S-Bahn, die ihn nach Hause bringt.

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