Obdachlosigkeit, Zwangsprostitution, Missbrauch e.a. : Wie helfe ich richtig?

Der Bettler im Bank-Foyer, der alkoholkranke Kollege, die einsame Nachbarin: Wir sehen sie – aber tun wir was? Ein Dossier über Sinn und Unsinn des Aktivwerdens, mit einem einleitenden Essay, Szenen aus dem Leben und dem Rat von Experten.

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Helfen? Nicht jeder zeitzweise reglose Obdachlose braucht Ansprache. Manche schlafen auch einfach nur.
Helfen? Nicht jeder zeitzweise reglose Obdachlose braucht Ansprache. Manche schlafen auch einfach nur.Foto: Caro

Alle Tage stand er dort, bei Regen, Hitze, Wind und Wetter. Der Mann vor dem Eingang des Supermarkts sah abgerissen aus. Etwa Ende vierzig, schäbiges Jackett, ausgebeulte Cordjeans, ungekämmt, mäßig rasiert. Sein Blick beim Hochhalten der Obdachlosenzeitung oszillierte zwischen: „Haben Sie Mitgefühl!“ und „Sie da, Ihnen geht es gut, mir nicht!“ Dazu gelegentlich verbale Nötigungen, deren Inhalt mit ihrem aggressiven Ton kontrastierte: „Schönen guten Tag! Haben Sie zwei Euro?! Wenigstens fünfzig Cent vielleicht?!“

Eines Tages fragte ein pensionierter Beamter den Mann, was er für ihn tun könne. Der Beamte, Mitte siebzig, hatte Zeit, er wollte dem Gestrandeten helfen. Er hörte: arme Kindheit, abgebrochene Lehre, fortgelaufene Frau, Schulden, Verlust der Wohnung. Keiner muss hier in Berlin, keiner im Land so leben!, erklärte der Helfer. Er telefonierte. Ämter, Behörden, Hilfsorganisationen. Irgendwann waren die Papiere beisammen, war eine kleine Wohnung gefunden, stand ein Job beim Blumengrossisten in Aussicht.

Allerdings: Je näher man dem Ziel rückte, desto nervöser wurde der Obdachlose. Seine Dankbarkeit schlug um in Abwehr und Wut. Schließlich wurde er ausfallend, verschmähte die Wohnung und verschwand.

Wochen später tauchte er wieder vor der Glastür des Supermarktes auf. Wie früher hielt er die Obdachlosenzeitung hoch, fror ostentativ, schnorrte Passanten an, stieß sein sarkastisches „Danke auch!“ aus, wenn einer nichts gegeben hatte, und lächelte, wenn einer was gab.

Offenbar war es so: Man hatte ihn nicht verstanden. Man hatte ihm seine Rolle wegnehmen wollen, seine Würde als öffentlicher Ankläger an der Ecke, seine Genugtuung beim Machen von Vorwürfen. Für den Mann gab es nur das eine: den Weg zurück auf seine Bühne.

Hilfe muss man nicht nur wollen, suchen. Man muss auch wissen, warum man sie braucht oder will – ohne Erkenntnis der Ursachen der Lage und des Begehrens wird Helfen auf der Hälfte steckenbleiben, so wie hier.

In der Großstadt sind Forderungen nach Solidarität überall präsent. In U- und S-Bahn reichen Musikanten ihren Hut herum. Im Foyer der Sparkasse hockt eine Drogensüchtige und fragt nach Münzen. Auf der Straße sitzt ein Obdachloser mit einer blutigen Kruste im Gesicht. Jedes Mal könnte man geben, helfen, alarmieren, intervenieren. Oder anders, wenn da der Nachbar ist, die Nachbarin, ein Mensch, der seine Lebensgeschichte erzählen will, der flirtet, charmiert – aber nie etwas zurückgeben möchte. Er oder sie wollen nur abladen, wie auf einer Müllhalde. Wie viele Stunden der eigenen Zeit soll man ihnen schenken?

Die Frage ist: Ab wann und wie ist Helfen produktiv, wann ein Übergriff, wann sogar kontraproduktiv? Soll man das Jugendamt anrufen, wenn ein Nachbarkind lange schreit? Den Kältebus, wenn einer im Winter unter der S-Bahn-Brücke liegt? (Soll man übrigens ruhig tun, aber keinesfalls, ohne die Person vorher anzusprechen! Wenn sie nicht ansprechbar ist: 112 anrufen. Wenn sie keine Hilfe will: bitte in Ruhe lassen.)

Die Frage ist auch immer: Wem helfe ich überhaupt? Dem Anderen? Oder meinem eigenen Gewissen? Helfen gehört zum Ursprung des sozialen Lebens, als ein Aspekt von Geben und Teilen. Marcel Mauss, ein französischer Ethnologe, hat erklärt, dass Gesellschaft überhaupt erst durch die komplizierte Dynamik von Geben und Nehmen begründet wurde. So haben Menschen gelernt, sagte Mauss, wie sie „einander gegenübertreten, ohne sich gegenseitig umzubringen“.

In Großstädten, in Industriegesellschaften generell, sind diese Dynamiken oft teils unsichtbar. Staatliche Stellen übernehmen das Verteilen und Umverteilen über Steuern, Sozialsysteme, Transferleistungen. Geben und Nehmen im Arbeitsleben folgen der Logik des Finanzsystems. 1903 schrieb der Soziologe Georg Simmel einen Essay über die Großstädte. Simmel, von 1893 bis 1912 Privatdozent in Berlin, erkannte die Mehrdimensionalität der Stadt, und dass ihre Bewohner einander, anders als Leute auf dem Land, je nach Kontext in vielen unterschiedlichen Rollen begegnen. Als Angestellte, Nachbarn, Kneipenfreunde. Ohne Kontext können Sie einander völlig fremd sein – namenlose Unbekannte am Straßenrand, Leute, mit denen einen nichts verbindet, denen man zu nichts verpflichtet ist. Sind solche Fremden in Not, ist Helfen kein fragloser Aspekt der sozialen Sphäre, sondern Ermessenssache.

Stadt kann auch die Freiheit bedeuten, sich nicht helfen zu lassen

Simmel beschreibt, wie der expandierende städtische Raum immer rationaler organisiert wurde. Straßennamen und Hausnummern strukturierten das Netz der Adressen. Auch die Zeit der Großstädter ist anders organisiert als die der Landbewohner, es regiert die Uhr statt der Natur. Emblematisch stehen Ziffernblätter an Bahnhöfen für die Rationalisierung des Arbeitslebens, für den der Ökonomie unterworfenen Lebensstil. Helfen kann bedeuten, diese Logik zu unterlaufen, ihr etwas anderes entgegenzusetzen: die zusammen verbrachte Zeit, die freiwillig geleistete Arbeit, die geschenkte Aufmerksamkeit, ohne Rechnung und Berechnung, ohne Quittung und Kalkül.

Doch Stadt heißt, verheißt auch Freiheit. In kleinen Orten kann jeder Schritt sozialer Kontrolle unterworfen sein. In der Stadt sind unendlich viele Selbstentwürfe möglich. Zugleich gestattet die Stadt, sich zurückzuziehen ins Anonyme. Das kann Isolation bedeuten, zu häuslicher Gewalt und psychischer Erkrankung führen, vor allem in Zeiten der Krisen und Arbeitslosigkeit. Wohlfahrtsstaaten stoßen an ihre Grenzen, wenn ihnen dazu außer Transferleistungen und erratischen staatlichen Kontrollen nichts einfällt. Auch einzelne Hilfswillige kapitulieren bald, wenn sie merken, dass ihre Interventionsmöglichkeiten beschränkt sind.

So erging es kürzlich auch dem CDU-Politiker Martin Patzelt aus Frankfurt an der Oder, als er zwei Asylbewerberinnen aus Nigeria und deren Kindern eine ganze Wohnung anbot. Einbauküche, Fernsehapparat, Terrasse. Nach zwei Tagen zog es die Frauen zurück in die Heimunterkunft. Das, was sie vor allem brauchten, war eben keine Einbauküche, sondern Gespräche mit Landsleuten, gemeinsames Kochen, Austausch im Alltag.

Dieses kleine Lehrstück birgt, ebenso wie das vom Anfang dieses Textes, eine große Aussage. Erstens: Die Gabe selbst kann ambivalenten Charakter haben, erpresserisch oder überfordernd wirken. Zweitens: Wo soziale Strukturen dysfunktional sind, wird Helfen und Geben eine Reparatur am Rand bleiben.

Konstruktive Wege des Intervenierens suchen Politiker wie Neuköllns Jugend- und Gesundheitsstadtrat Falko Liecke, der jüngst einen couragierten Katalog zum Kinderschutz vorgestellt hat. Unter anderem sollen Schutzteams mit „Feuerwehrfunktion“ sofort eingreifen können. Wird aus der Nachbarschaft oder von Kitas, Schulen ein dringender Verdachtsfall von Kindeswohlgefährdung gemeldet, ist die Kinder-Feuerwehr da, schätzt ab, leitet Hilfsmaßnahmen ein. Kaum ein privater Nachbar könnte das leisten.

Neue Wege beschreiten auch Aktivisten wie der in Berlin tätige Priester Leo Penta, 1952 in New York geboren. Penta hat „Community Organizing“ studiert, beim selben Lehrer wie der junge Barack Obama. Weniger der einzelne Wohltäter, sondern Bürgerplattformen, Akteure der Zivilgesellschaft können Strukturen verändern, das erfahren Penta und seine Mitstreiter in ihrer Praxis. Sie setzen sich dafür ein, die soziale und wirtschaftliche Infrastruktur von Stadtvierteln zu ändern: Wo stehen Gebäude leer, aus denen eine Schule werden könnte? Umfragen von Tür zur Tür ermitteln die Anliegen der Bevölkerung, Anwohnerversammlungen suchen nach Lösungen. Gemeinsam wird Druck auf Politiker gemacht. Da geht auch mal eine Abordnung von Aktivisten in ein Rathaus und besetzt so lange den Flur vor dem Zimmer des zuständigen Verantwortlichen, bis sie gehört wird. Leute helfen sich selber, als Gruppen mit Interessen. Und damit helfen sie auch anderen, Nachbarn, Freunden. Bei dieser Art der helfenden Arbeit entsteht fast immer eine neue, haltbarere Form der Solidarität. Sie wiederum kann den politischen Willen wecken, mehr Chancengleichheit zu schaffen, bessere Integration, stärkere Inklusion. Darum geht es bei alledem: das Anerkennen der Anderen.

Dieser Text von Caroline Fetscher erschien in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin. Lesen Sie auf den folgenden Seiten konkrete Fälle, die Tagesspiegel-Mitarbeiter im Alltag erlebt haben - und zu welcher Form von Hilfe Experten, deren Statements Veronica Frenzel aufgezeichnet hat, jeweils raten.

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