Berlin : Oberleitung gerissen: Bahn im Chaos

Stadtbahn vier Stunden gesperrt – tausende Fahrgäste in zweihundert Zügen verspätet

Jörn Hasselmann,Ingo Bach

Wieder einmal mussten am Freitag tausende Fahrgäste der Bahn mit zum Teil stundenlangen Verspätungen zurechtkommen – und mit den unzureichenden Informationen, die das Bahnpersonal lieferte. Der Grund: Durch eine abgerissene Oberleitung zwischen den Bahnhöfen Zoo und Savignyplatz waren die beiden Gleise der Fernbahntrasse für über vier Stunden komplett gesperrt. Die Ursache für den Riss werde noch untersucht, sagt ein Bahnsprecher. Rund 200 Züge waren deshalb von zum Teil stundenlangen Verspätungen betroffen. Die S-Bahn wurde durch den Unfall nicht beeinträchtigt.

Nach Angaben der Bahn mussten 23 Züge um Berlin herumgeleitet werden, denn eine Durchfahrt war weder in Ost-West- noch in Nord-Süd-Richtung möglich. Durch die Sperrung fielen 22 Züge komplett aus, weitere 76 mussten vor den Toren der Stadt stoppen. Erst gegen 18 Uhr sei der Zugverkehr wieder nach Plan gerollt, heißt es bei der Bahn. „Die Berliner Stadtbahntrasse ist nun mal ein neuralgischer Punkt im Bahnnetz“, erklärt ein Bahnsprecher die großflächigen Behinderungen. Hier fahren normalerweise pro Stunde 24 Züge.

Der ICE 873 nach Basel hatte am Freitagmorgen um 6.43 Uhr etwa 100 Meter östlich des S-Bahnhofes Savignyplatz auf 150 Metern Länge eine Oberleitung heruntergerissen. Der Zug blieb liegen. Die Fahrgäste durften aus Sicherheitsgründe den Zug nicht verlassen. Auch das Gegengleis war blockiert, weil die 15 Kilovolt führende Stromleitung zum Teil auf dem Zug und zum Teil auf dem Gegengleis lag. Drei Wartungsloks rückten an. Der Schaden war bis 11 Uhr behoben.

Die Auswirkungen waren jedoch den ganzen Tag über zu spüren: Tausende Reisende kamen zu spät – oder schlimmer: Sie wurden von der Bahn in die Irre geschickt. Ein Beispiel: Der ICE 595 nach Kassel sollte um 7.40 Uhr den Bahnhof Zoo verlassen. Per Lautsprecher teilt ein Bahnmitarbeiter um 7.35 Uhr mit, dass der Zug nun am Ostbahnhof starte. Bis dorthin solle man die S-Bahn nutzen. Am Ostbahnhof jedoch steht außer einem Museumszug nichts. Die Reisenden fragen das Personal. Die Antwort: „Hier fährt nichts, wir wissen nichts, fahren Sie nach Schönefeld.“ Wieder quetschen sich die Menschen in die S-Bahn. Sie hoffen, von Schönefeld irgendwie nach München, Frankfurt oder an andere Reiseziele zu gelangen. Doch auch in Schönefeld Fehlanzeige. Dafür erhalten die genervten Passagiere vom Bahnpersonal diese Auskunft: „In Schönefeld sind Sie verloren, es gibt keine Auskunft von der Zentrale, wann welcher Zug kommt. In Berlin fährt kein Zug.“

Gegen 9 Uhr verlassen dann doch zwei Züge Schönefeld, einer nach Leipzig und eine Regionalbahn nach Potsdam. „Fahren Sie mit diesen Zügen, andere gibt es nicht“, empfiehlt ein Eisenbahner. Eine Passagiergruppe steigt in die Regionalbahn um 9.18 Uhr nach Potsdam. Um 10.20 Uhr Ankunft in Potsdam. Dort verspricht eine Anzeige einen IC nach Düsseldorf, abfahrbereit um 10.22 Uhr. Doch erst um 11.35 Uhr geht es tatsächlich los. Der Zugchef habe noch gefehlt, sagt eine Schaffnerin. Mit sechs Stunden Verspätung erreicht der Zug endlich Marburg.

Die Information für die Reisenden sei eine Katastrophe gewesen, hieß es in der Berliner Bahnzentrale. Aber der Ausfall habe ein sehr ungewöhnliches Ausmaß erreicht, sagte darüber hinaus ein Sprecher. Deshalb sei auch der Informationsfluss nicht ganz reibungslos gewesen. „Dafür bitten wir um Verständnis.“

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