Berlin : Oberpriester Diepgen und sein Messdiener Böger (Gastkommentar)

Guido Ambrosino

Als ich, vom erzkatholischen Rom kommend, 1986 nach Bonn zog, dachte ich, die schlimmsten Auswüchse des Konfessionalismus hinter mir zu haben. Von wegen. Für meinen Sohn gab es im Viertel nur kirchliche Kindergärten. Die Wahl fiel auf den katholischen. Und was passierte? Alle Kinder, auch islamische , wurden in regelmäßigen Abständen, für mehrere Tage hintereinander, in die Kirche gebracht, um Lieder und Gebete für die "Familienmesse" zu trainieren.

Nicht besser erging es meiner Tochter in der Bonner Grundschule. Kein Alternativangebot für Kinder, die sich vom Pflichtfach Religion befreien ließen. Die Religionsverpflichteten mussten einmal pro Woche zum "Kindergottesdienst" in die Kirche. Das wäre in einer staatlichen Schule in Rom nicht denkbar gewesen. "Moment mal", erwiderte ich, "eine Sache ist die Vermittlung von Wissen über Religion in der Schule, eine andere sind liturgische Handlungen in der Kirche." Die deutschen Eltern schüttelten den Kopf. Nur eine Spanierin teilte mein Unbehagen. In Spanien, Italien, Frankreich, wo monopolistische Ansprüche einer Konfession bestehen, reagiert man empfindlicher auf die Durchdringung zwischen Staat und Kirche.

In Deutschland lässt die Balance zwischen evangelischer und katholischer Kirche ihre Machtpositionen erträglicher erscheinen. Was ihre Vormachtstellung in der Schule anbelangt, gibt es (wie lange noch?) zwei glückliche Inseln, Bremen und Berlin. Dort greift die Drohung von Artikel 7 Grundgesetz nicht: "Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen ordentliches Lehrfach", unter "staatlicher Aufsicht", versteht sich. Brandenburg kam später hinzu, mit seinem klugen nicht-konfessionellen Lehrangebot der "Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde".

Geflüchtet vom rheinländischen Integralismus, fühlten wir uns wohl in Berlin. Der Staat mischt sich nicht ein, Religionsunterricht ist Sache der Religionsgemeinschaften. Die Distanz wird gewahrt. Prima. Und jetzt? Oberpriester Diepgen und sein sozialdemokratischer Messdiener Böger wollen das beispielhafte "Berliner Modell" entsorgen, Religion als ordentliches Lehrfach nach westdeutschem Standard etablieren. Unter "staatlicher Aufsicht", um noch jahrelang die Lehrer der Islamischen Föderation nicht reinzulassen. Stattdessen sollten Diepgen und Böger zwei dicke Kerzen zur Ehre des Bundesverwaltungsgerichts anzünden, das ein Stück religiöser Gleichberechtigung postuliert hat. Zu Gunsten der Berliner Toleranz.Der Autor ist Korrespondent der italienischen Zeitung "Il manifesto".

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar