Berlin : Obszöne Inhalte und rechtsradikale Parolen - Kritik an Ermittlungen der Polizei

Frank Jansen,Susanne Vieth-Entus

Die Gefahr gewaltsamer Übergriffe auf Lehrer nimmt offenbar auch an Berliner Schulen zu. Nach dem Mordanschlag auf eine Lehrerin in Meißen und Drohungen in Brandenburg ist dem Tagesspiegel jetzt ein schwerwiegender Fall in Marzahn bekannt geworden. An der Otto-Nagel-Oberschule wird ein Lehrer seit Oktober 1998 mit Drohbriefen traktiert. Einem Schreiben war zerschnittenes Fleisch beigelegt. In einem weiteren fand sich eine Rasierklinge. Der Lehrer fühlt sich von der Polizei, an die er sich mehrfach gewandt hat, im Stich gelassen. Das Lehrerkollegium des Gymnasiums hat sich mit ihm solidarisiert und will heute Schüler und Eltern mit dem Fall konfrontieren.

Am 14. Oktober 1998 ging die erste Morddrohung an die Privatadresse des Lehrers. Neben einem Zeitungsartikel über die Ermordung eines Schulleiters in Niedersachsen stand folgender Text: "Kann auch Lehrern paSSieren! VerlaSS die Schule! VerlaSS die Stadt! VerlaSS das Land! VerpiSS Dich!" Jedes doppelte S war in Form von Großbuchstaben hervorgehoben - offenkundig, um die SS-Runen nachzuahmen und damit eine rechtsextremistische Gesinnung zu demonstrieren.

Der zweite Brief folgte am 16. Januar 1999. Mit den Worten "verpiss dich und quäl uns nicht weiter, sonst -" wurde auf eine beigelegte Zeitungsmeldung mit der Überschrift "Schüsse auf Lehrer" verwiesen. Am 24. August ging das DIN-A-4-Kuvert mit dem zerschnittenen Fleisch ein. Der anonyme Autor schrieb dazu: "Hallo du Wichser, wir haben Geld gesammelt. So wirst du bald aussehen, wenn du nicht abhaust." Am 21. Dezember fand sich das vierte Schreiben im Briefkasten. Der Fotokopie eines Artikels über die Tötung der Lehrerin in Meißen war eine Rasierklinge beigelegt, verbunden mit der Drohung: "Der nächste bist du." Erstmals gab sich ein Absender zu erkennen - unter dem Fantasienamen "Eros Mortem". Im September 1999 erhielten der Lehrer und seine Lebensgefährtin zwei anonyme Anrufe mit obszönen Hasstiraden und Würge-Geräuschen. Außerdem wurden bei einem Versandhandel Waren auf den Namen des bedrohten Mannes bestellt.

Nach jedem Vorfall alarmierte der Lehrer die Polizei. Bei den ersten beiden Drohbriefen beließ er es bei Strafanzeigen, dann schaltete der Pädagoge die Schulleitung, den Schulrat und die für Probleme mit Gewalt zuständige Anlaufstelle in der Senatsschulverwaltung ein. Am vergangenen Freitag schilderte er dem Lehrerkollegium seinen Fall, das daraufhin eine Resolution formulierte. "Jeder sollte durch seine persönliche Beteiligung bei der Entlarvung der Täter klar stellen, dass er oder sie auf gar keinen Fall - auch nicht stillschweigend! - zu Komplizen von potenziellen Mördern werden will", heißt es in dem Papier. Außerdem will das Kollegium zum Ausdruck bringen, "das Eindringen von neonazistischem, menschenverachtendem Gedankengut an unserer Schule von Anfang an nicht dulden" zu wollen. Den Schülern wird angekündigt, in jeder Klasse werde das Thema "Gewalt an der Schule, Morddrohungen gegen Lehrer und ihre Hintergründe" demnächst behandelt.

Die Polizei wird von dem Lehrer, der anonym bleiben möchte, kritisiert. Kein Schüler sei vernommen worden, obwohl es Hinweise auf Tatverdächtige gebe. Erst vergangene Woche habe die ermittelnde Kommissarin ein Gespräch mit der Schulaufsicht geführt. Inzwischen hat der Anwalt des bedrohten Pädagogen in einem Brief an den Polizeipräsidenten eine Dienstaufsichtsbeschwerde "wegen Untätigkeit" angekündigt.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sieht ihrem Vorsitzenden Ulrich Thöne zu Folge in den Drohungen "den gravierendsten Fall, den es in den letzten Jahren in Berlin gegeben hat". Der Fall habe eine "neue Qualität", da der Lehrer nicht Opfer einer spontanen Aktion, "sondern einer kalten, gezielten Vorgehensweise" sei.

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