Obwohl Zahl der Unfälle steigt : Polizei nutzt Radarwagen und Laser immer weniger

Der Grund sind fehlende Kapazitäten. Der Senat will neue „Dialog-Displays“ anschaffen.

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Scharfes Auge: Ein Polizist an der Ecke Damaschkestraße / Joachim-Friedrich-Straße. Foto: Martin Pfaffenzeller
Scharfes Auge: Ein Polizist an der Ecke Damaschkestraße / Joachim-Friedrich-Straße.Foto: Martin Pfaffenzeller

22 Radarwagen und 61 Handlaser hat die Berliner Polizei für Tempokontrollen zur Verfügung. Doch ihr zuletzt erreichtes Pensum könnte sie auch mit drei Radarwagen und einem einzigen Lasergerät schaffen, denn die meiste Zeit steht und liegt die teure Technik ungenutzt herum.

Wie die Innenverwaltung auf Anfrage von Harald Moritz (Grüne) mitteilte, waren die Radarwagen im vergangenen Jahr 22.503 Stunden im Einsatz. Das ergibt knapp drei Stunden pro Fahrzeug und Tag – und bedeutet gegenüber dem Vorjahr weitere 1,5 Prozent Rückgang.

Bei den Handlasern kamen 7139 Einsatzstunden zusammen, was 0,3 Prozent Rückgang entspricht. Im Schnitt wurden die Geräte also 19 Minuten am Tag benutzt. Diese Zahlen bedeuten einen neuen Tiefpunkt nach jahrelangem Abwärtstrend. Gestiegen ist dagegen sowohl die Zahl der Unfälle als auch der Anteil der „nicht angepassten Geschwindigkeit“ als Ursache. Die starke Schwankung der Laser-Einsatzzeiten von Monat zu Monat legt nahe, dass die Kontrolldichte stark von den verfügbaren Kapazitäten der Polizei abhängt. So war der Dezember 2016 – in den der Anschlag auf dem Breitscheidplatz fiel – mit nur 226 Einsatzstunden der mit Abstand kontrollschwächste Monat der letzten Jahre.

Freiwillige Einsicht ersetzt keine Kontrolle

Die neuerdings SPD-geführte Innenverwaltung teilt in bisher nicht gekannter Deutlichkeit mit, dass „sich eine dauerhafte intensivierte Auslastung der Handlasermessgeräte in spürbarem Umfang absehbar nicht realisieren“ lasse. Besserung sei aber bei den Radarwagen in Sicht, für die 20 neue Dienstkräfte ausgebildet und das Arbeitszeitzeitmodell beim zentralen Verkehrsdienst zwecks besserer Auslastung angepasst würde.

Doch auch die Polizei selbst hat es in der Hand, das Problem des Zu-schnell-Fahrens größer oder kleiner erscheinen zu lassen: Sie meldet seit Jahren leicht sinkende „Überschreitensraten“ von zuletzt weniger als fünf Prozent der gemessenen Fahrzeuge. Allerdings hängt diese Quote extrem davon ab, an welchen Stellen und wie gut sichtbar für die Autofahrer kontrolliert wird.

Auf freiwillige Einsicht setzen die sogenannten Dialog-Displays, die Autofahrern beispielsweise vor Schulen anzeigen, ob sie zu schnell fahren. 92 dieser Geräte sind stadtweit noch im Einsatz, teilte die Verkehrsverwaltung ebenfalls auf Anfrage von Moritz mit. Die Senatsverwaltung hatte die Displays vor zehn Jahren für die Bezirke angeschafft – und würde das wieder tun, sofern dafür Geld in den nächsten Doppelhaushalt eingestellt wird. „Wäre doch super, wenn der Senat noch mal 100 Stück beschafft“, sagt Moritz.

Die Bezirke setzen die Displays alle paar Monate um. Theoretisch könnten sie auch Daten zu Zahl und Art der passierenden Fahrzeuge auswerten und dazu, ob und wie sehr sie abbremsen. Die Unfallforschung der Versicherer (UDV) hat den Effekt vor Jahren untersucht und festgestellt, dass das Durchschnittstempo je nach Standort der Displays um zwei bis sechs km/h sank. Am effektivsten war die Version, die nicht das Tempo anzeigt, sondern „Langsam!“ oder „Danke“. UDV- Chef Siegfried Brockmann sagte dem Tagesspiegel, die Displays seien als zusätzliche Maßnahme sinnvoll. „Aber sie ersetzen niemals echte Kontrollen.“

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