Occupy-Bewegung : Polizei verhindert Zeltstadt auf Reichstagswiese

15.10.2011 23:35 Uhrvon
  • 9.01.2012: Das Berliner Zeltlager der Occupy-Aktivisten ist Geschichte. Die Polizei räumt das Gelände. Die letzten rund zehn Camper verlassen den Bundespressestrand widerstandslos. Foto: Thilo Rückeis
    9.01.2012: Das Berliner Zeltlager der Occupy-Aktivisten ist Geschichte. Die Polizei räumt das Gelände. Die letzten rund zehn Camper verlassen den Bundespressestrand widerstandslos. - Foto: Thilo Rückeis
  • Bis zuletzt hatten etwa ein Dutzend Aktivisten Wind, Wetter und Räumungsdrohungen getrotzt. Foto: Thilo Rückeis
    Bis zuletzt hatten etwa ein Dutzend Aktivisten Wind, Wetter und Räumungsdrohungen getrotzt. - Foto: Thilo Rückeis
  • Seit Anfang November campierten die Occupy-Anhänger auf dem Bundespressestrand. Am Ende gehen sie widerstandslos. Foto: Thilo Rückeis
    Seit Anfang November campierten die Occupy-Anhänger auf dem Bundespressestrand. Am Ende gehen sie widerstandslos. - Foto: Thilo Rückeis

Update Weltweit gingen am Sonnabend Demonstranten der Occupy-Bewegung auf die Straße. Die Resonanz in Berlin war enorm. Vor dem Reichstag wollten Demonstranten Zelte aufbauen.

Es geht gegen die Macht der Banken und den Krieg, natürlich. Aber auch gegen die „Rest-Privatisierung der BVG“ – die fordert ein Bürger, der sich offenbar auch von den Verkehrsbetrieben verraten und verkauft fühlt. Ein Mann in BVG-Uniform wiederum, der sich spontan dem Marsch der Tausend zum Bundeskanzleramt anschließt, trägt eine Pappe um den Hals, auf der steht: „Lieber Banken kontrollieren als Fahrgäste“. Schließt sich hier der Kreis?

Auch am Ende des Tages bleibt schwer zu sagen, was genau das übergeordnete Ziel ist, aber das scheint auch noch nicht wichtig an diesem Samstag: Weltweit gehen Hunderttausende auf die Straße, vielleicht auch Millionen.

Niemand kann das verlässlich sagen. Es gibt Fotos aus Sidney, Tokio, Hongkong. Auch aus Bukarest, Warschau, Stockholm, London und Rom gibt es Berichte über große Kundgebungen. In Italien fackeln Demonstranten Autos ab und brechen eine Bank auf. Vor der Europäischen Zentralbank am Finanzzentrum Frankfurt am Main und in Berlin dagegen bleibt es friedlich – zumindest weitgehend.

Am späten Abend waren immer noch rund 200 Menschen in Berlin vor dem Reichstag. Dort versuchten sie, eine Zeltstadt zu errichten. Die Polizei räumte die Zelte und versucht auch in der Dunkelheit zu verhindern, dass weitere Zelte aufgebaut werden. Die Polizei setzte Pfefferspray ein. Schlafsäcke und Zeltmaterial wurde eingezogen. Gegen 23 Uhr begann die Polizei, den Platz zu räumen und Demonstranten wegzutragen. Mehrere Teilnehmer mussten von Polizisten weggetragen werden. Zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kam es nach Polizeiangaben nicht. Auf einem Livestream konnte man die Entwicklung vor dem Reichstag verfolgen.

Zuvor fand vor dem Bundeskanzleramt eine Kundgebung statt. Insgesamt war die Stimmung bei den Occupy-Protesten in Berlin friedlich, viele Protestierende sangen, tanzten und trommelten. Die Slogans der Protestierenden lauteten "Wir sind die 99 Prozent" und "Kapitalismus abschaffen". Einzelne versuchten, über den Zaun am Kanzleramt zu klettern und über die Wiese auf das Kanzleramt zuzulaufen. Die Polizei musste sie stoppen.

Auch am Mariannenplatz in Kreuzberg versammelten sich am Nachmittag rund 300 Teilnehmer. Hip-Hop-Klänge ertönten, auch hier wurden die Banken angeprangert und zur Verstaatlichung der Geldinstitute aufgerufen.

Es war ein bunt gemischtes Publikum, das in Berlin auf die Straße gegangen ist: Junge wie Alte, konstruktiv bis radikal. 350 Protestierende waren angemeldet. Tausende waren unterwegs. Am Brandenburger Tor hat eine Frau, die sich selbst "Cordula, die Empörte" nennt, eine Wäscheleine gespannt. Jedermann kann auf eine Pappe schreiben, was ihn empört. "Ätsch, Marx hatte doch Recht", hat einer der Demonstranten geschrieben. Auch die PARTEI des Satirikers Martin Sonneborn war da, sie forderten "Bildung auch für Besserverdienende".

Viele entschlossen sich spontan, an der Demonstration teilzunehmen, wie zwei ältere Schwedinnen, die in Berlin Urlaub machen. "Ganz toll" finde sie den Protest, sagte eine der beiden. "Dafür wird es absolut Zeit." Sie freue sich, dass so viele Junge auf die Straße gingen und hoffe, dass es in Stockholm genauso sei.

Eine Künstlergruppe aus Prenzlauer Berg, die "Sardinenbüchsen-Armee" ist in selbst gebastelten Büchsen zur Demonstration gekommen. "Wir wollen gegen Einengung und für mehr politischen Freiraum protestieren", sagte Frauke L. In ihrem Bekanntenkreis erlebe sie Burn-Out, Leistungsdruck und Existenzängste mit. "Wir sind eigentlich alle betroffen", sagte sie. Dass heute weltweit Menschen auf die Straße gehen, mache ihr Mut. "Es ist Zeit, sich zu empören."

Auch Michael M., 65, aus Ostberlin ist gekommen, um zu protestieren. Er sagte: "Ich kann nicht alle Parolen unterschreiben, aber ich finde, dass es richtig ist, den Regierenden zu zeigen, dass die Menschen sich nicht alles gefallen lassen." Heiner Wücker, 58, hat eine überdimensionale Registrierkasse mitgebracht, die er vor zwei Jahren gemeinsam mit einer Künstlergruppe aus New York gebaut hat. Er ist vor allem gekommen, weil er einen Krieg in Iran fürchtet. Wücker hofft, dass heute auf der ganzen Welt so viele Menschen gleichzeitig auf die Straße gehen wie nie zuvor - und er glaubt, dass die Bewegung in Berlin weiter erstarken wird, Cafés und Kneipen, Clubs und Galerien.

Auf einigen Plakaten sind deutliche Worte zu lesen: "Alle drei Sekunden verhungert ein Mensch - wegen Eurer Gier", oder auch: "Kapitalismus und Demokratie - Vortäuschung des Unmöglichen". Nicht nur Einzelpersonen, auch Organisationen beteiligen sich am Demonstrationszug, beispielsweise Attac und die Linkspartei. Auch Forderungen, die mit dem eigentlichen Anlass der Demonstration nichts zu tun haben, sind zu erkennen. Manchen, die auf die Straße gegangen sind, geht es um Hartz IV oder den Pflegestreik an der Charité. Die meisten Transparente aber richten sich gegen Banken.

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Unser/e Leser/in blinder meint zum Artikel: Besuch im Reichstag bleibt umständlich:
Da von den aktuell 620 Abgeordneten bei den Sitzungen sowieso nur 20% anwesend sind, bleiben fast fünfhundert Sitze unbelegt. Hier könnte man doch die wartenden Besucher nach der obligatorischen Einlasskontrolle "zwischenparken".
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