Berlin : Odem (Geb. 1973)

Wir sind da. Ob ihr wollt oder nicht. Wir sind da

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In einer anderen Zeit wäre er ein Ritter gewesen, einer der Großen der Tafelrunde, hochherzig wie Parzival, treu liebend wie Tristan, draufgängerisch wie Iwein. Ein Berserker, wenn es in den Kampf ging. Der sich bis aufs Blut reizen ließ, um dann mit drei, vier Gegnern gleichzeitig die Klinge zu kreuzen. Ein Knight of Colours, den jeder sofort an seinen Turnierfarben erkannte, denn sein Style war unique.

Odem, der Schriftzug prangte auf einigen Drachen, die er erlegt hatte, auf dass sie seinen Namen in alle Welt tragen. Odem, der Hauch, der Atem, der alles beseelt. Buchstabe für Buchstabe tätowierte er in die zähe Haut, die Initiale O kunstvoll illuminiert. Denn das ist Anfang und Ende allen Wollens, das A und das O: Schönheit. In einer anderen Welt wäre er einer der vier Musketiere gewesen, einer für alle, alle für einen. Seine Crew hätte Versailles gerockt und den Louvre in Farbe getaucht. Unerhörte Schriftzeichen an den Wänden, Menetekel, Letters of Interest, für alle, die Augen haben zu sehen. Ein Freibeuter wäre er gewesen, ein Pirat, unterwegs auf allen Meeren, denn seine Fregatte trotzte jedem Sturm, flog über alle Wellen hinweg, weil sie einen ganz eigenen Drive hatte, Odems Drive.

Ein Samurai hätte er sein können, ein Otomí, ein Spartaner, ein Sikh, ein Gentilhombre, ein Gentleman, ein Warrior, ein Mönch in seiner Zelle, der Tag für Tag nur diesen einen Buchstaben malt, in dem sich ein ganzes Universum verbirgt: Odem. Wer sich hinter dem Namen verbirgt? Das wusste er manchmal selbst nicht. Ständig war er hinter dem zurück, der er eigentlich sein wollte. Odem: On The Run. Er hat sie selbst erzählt seine Geschichte, aufschreiben lassen hat er sie, denn es ist nicht so einfach, den roten Faden zu finden, wenn du von der Rolle bist. „Odem: On the Run“ heißt das Buch, und es erzählt, wie alles anfing, hier in Berlin, auf den Straßen und Brachen, als alles noch unfertig war. Street Art Fighter zogen bandenweise durch die Stadt. Fetzo nannte er sich, Rima, Sor VI, Schriftzüge, die an den Wänden verblassen.

„On the run“: Eine coole Sprayergeschichte, „einfach supa“ erzählt, die „Writer-Bibel“, der „absolute Burner“! Wer es bis zum Ende liest, glaubt alles zu wissen, aber Odems Leben war mehr als dieser Amoklauf: Sprayen, Kiffen, Prügeln. „Die Stadt gehörte uns. Uns konnte keiner was.“ Die Stadt hatte sie ja gerufen, viele waren gekommen, aus allen Ländern der Welt, aber die Stadt zeigte nicht allen ihr schönes Gesicht. „Wir hatten keinen Respekt vor der Stadt, wir konnten ihn gar nicht haben. Wofür? Was gab uns diese Stadt? Liebte uns die Stadt? Sollten wir sie dafür lieben, dass sie uns nicht liebte? Nein!“

Also bomb’ sie zu, die Stadt. Zück den Edding, nimm die Dose, schreib es auf jede Wand, überallhin, deinen Namen, auf Bahnen und Züge, Polster und Scheiben, und wehe ein anderer taggt den gleichen Namen. Die Zeit tickte plötzlich anders. Farbiger. Gewalttätiger. Hip-Hop gab den Takt vor. Und das Geschrei der Normalos machte extra munter: Ihr seid Schmierer. Ferkel. Bastarde. „Reiner Vandalismus, klar, aber er machte Spaß.“ Tags: Wir sind da. Ob ihr wollt oder nicht. Wir sind da.

Es war Krieg. Und dann stirbt einer. Hatte sich zu weit rausgehängt aus dem Zug, war zu jung für den Spaß, zu unerfahren. Du kannst dabei draufgehen, klar, selbst das finden manche cool, aber was noch schlimmer ist, du kannst dich verlieren, und weißt nicht mehr, wer du bist. Du brauchst die Familie, du brauchst eine Crew. Und nennst sie „Eastside Lords“, ESL. Später die „SOS-Crew“, SOS: Spirit of Styles. Eine Crew, das war die Magie des Zusammenhalts. Der Moment, wo du sagen kannst: „Ich bin dabei! Ich bin wirklich dabei!“ Alles läuft gemeinsam. In Zugdepots einbrechen, Farbgeschäfte leer räumen, Clubs aufmischen. Die Mutproben und Masterpieces: Einen Zug „End-to-End“ sprayen wie „ein Strich, der jemandem durch die Rechnung gemacht wird“. „Wholetrain“, von vorne bis hinten, von oben bis unten: Ein Bild. „A dream to some – a nightmare to others.“

Wie umgehen mit den Sprayern? Holt sie doch ins Museum. Bezahlt sie für ihre urbane Kalligrafie. Gebt ihnen Wände for free. Das macht sie zahm. Machte ja auch einige zahm. Aber nicht Odem und seine Crew. „Writing musste illegal sein.“

Warum?

„Mir war das Leben einfach zu langweilig. Alles ödete mich an.“ Risiko fasziniert. Angst zu spüren, bei sich und bei anderen. „Ich brauchte eine Konkurrenz, einen richtigen Gegner, um mich beweisen zu können, um überhaupt existieren zu können … “ Die Handbremse lösen, in Fahrt kommen, kollidieren. Die Konfrontation suchen, das Turnier, das Duell, walk on the wild side: „Ich wollte raus aus mir.“ Kunst ist gewalttätig, ist Hahnenkampf, ist Betrieb, stinknormaler Kunstbetrieb. Wer es schafft, hat seine eigene Hall of Fame, Kiddies kommen, Groupies. „Fame! Fame! Fame!“ Odem on the top. Sein Style, seine Swinging Letters brachten ihm Respekt, weltweit.

Seit Jahrtausenden verewigen sich Writer. Die Pyramiden, die Säulen Babylons, die Mauern Roms, die Toiletten Pompejis, überall Schriftzüge. In der Nacht streunst du umher, am hellen Tag gehst du durch die Straßen, siehst deinen Namen. Du weißt, du bleibst. Und du willst mehr. „Endlich mal ein Bild! Nicht immer nur diese Tags, sondern ein richtiges geiles Bild!“ Eins, das deinen Spirit zeigt. „Beim Sprühen muss der ganze Körper mitwirken, um diesen Swing reinzukriegen, um wirklich Bewegung, wirklich Leben da reinzupumpen.“ Aber das kann nicht jeder. Graffiti wurde Mode. Zu viele Bilder. Zu viele Egos. „Was nicht gut war, war Schrott. Da kannte ich kein Pardon. Ich sagte immer meine ehrliche Meinung und hatte deshalb den Ruf weg, arrogant zu sein. Okay, ich brachte das schon ziemlich heftig rüber, aber ich ging halt immer vom Optimalen aus, und wenn jemand das nicht erreichte, konnte ich voll aufdrehen und ganz klar sagen das ist Scheiße.“

Das kam nicht gut an. Plötzlich bist du wieder allein, ein King ohne Kingdom. Odem sah, wie seine Welt unterging, und er mit ihr: „It’s better to burn out than to fade away.“ Er wollte weg, raus aus der Szene, sauberer Abgang, aber nicht ohne noch mal Klartext zu reden. „Ich versuchte in dem Buch, meine ‚Stylism Mission’ noch mal zu erklären. Buchstaben sind erst mal unvollkommen. Sie zeigen etwas, deuten etwas an und verbergen gleichzeitig. Das ist das Wesen der Buchstaben. Sie können Kraft ausdrücken und Eleganz, Macht und Schönheit, alles Mögliche. Aber dafür muss man sie fühlen und mit dem Herzen verstehen und muss … den Wunsch haben, sie vollkommen zu machen, damit sie ausdrücken, was unter der Oberfläche lauert. Das war meine Botschaft, meine Mission …“

Aber sie kam nicht mehr an. Auf YouTube spricht er über seine Niederlage. Das Video zeigt ihn anders als das Buch. Seine Stimme ist sanft. Wer seine Stimme hört in diesem Interview, der staunt. Das ist ein anderer Odem als der „Art Lord“ im Buch. Das ist einer, der viel nachgedacht hat, der es sich vor allem nicht einfach macht. Denn es ist ein verdammt langer Weg zur Kunst. Nichts für Großmäuler. Du musst tough sein. Die „besten Gesetzesbrecher sind die, die die Gesetze kennen.“ Nicht jeder, der den Edding rausholt, ist ein Künstler. Es gibt ästhetische Prinzipien. Die gelten für jeden Künstler. Oder der Künstler gilt nichts. Mit diesem Hochmut hat er viel Hass auf sich gezogen, es wurde einsam um ihn. Who cares? Er wusste ja selbst am besten, wie vielen er wehgetan hatte: „ganz grob die Familie vernachlässigt“, die Freunde, die Frauen, weil er nur eine einzige Liebe hatte – die Kunst. Er arbeitete in Jugendprojekten, half seinem Vater, wurde eingeladen zum Casting: „Das wahre Leben“. Verpasste seinen Auftritt. Das wahre Leben: Schreib deinen Namen auf ein Blatt Papier. Was siehst du in den Buchstaben? Ist da Kraft drin? Swing, Leidenschaft, Schönheit? Ist da wirklich Schönheit drin, in deinem hingekritzelten Namenszug? Hast du Style?

Odem hatte Style. Aber er konnte die Leere im Herzen nicht mehr füllen. Das ertrug er nicht, dass die Schrift nur noch Sklave der Botschaft ist, die Buchstaben nur noch willige Träger von Lügen. Das Leben war kein Gedicht mehr, kein Bild, er fühlte sich nicht mehr zugehörig, er war der Gegenwart fern, den fernen Zeiten näher. In einer anderen Welt hätte man ihm aufs Grab geschrieben: „Hier liegt einer, dessen Name ward geschrieben ins Wasser.“

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