Berlin : Oden an die Freude

AUFTRITT DER WOCHE Der Mädchenchor Scala & Kolacny Brothers

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Sie hatten sie alle. Nirvana, Radiohead, Depeche Mode, U2, The Cure, Leonard Cohen, Madonna, Abba und auch Rammstein, die Ärzte, Selig und die Sportfreunde Stiller. Die Anzahl an Cover-Versionen, die der belgische Mädchenchor Scala & Kolacny Brothers in den 15 Jahren seines Bestehens aufgenommen hat, reicht locker, um damit mehrere Karaoke-Abende zu füllen. Am Donnerstag tritt der Chor zusammen mit seinen Gründern und Leitern, den Brüdern Stijn und Steven Kolacny, in der Zitadelle Spandau auf.

Es ist fast eine Art Heimspiel für die rund 40 Belgierinnen im Alter von 14 bis 28 Jahren. Ihre deutsche Fangemeinde ist groß, besonders in Berlin, denn sie sind hier in den letzten sieben Jahren schon häufig aufgetreten und haben mehrere Songs hiesiger Künstler gecovert. So neben Stücken von Rammstein, den Ärzten und Wir sind Helden auch Mias „Hungriges Herz“, das 2009 den Werbespot für eine Genossenschaftsbank untermalte. In Berlin begann auch die Erfolgsgeschichte des Chors in Deutschland: 2004 spielte das RBB-Jugendradio Fritz die ersten zwei deutschen Cover, Rammsteins „Engel” und Wolfheims „Kein Zurück”, hoch und runter. Im Rahmen seines ersten Deutschlandauftritts beim Fritz-Radiokonzert im August jenes Jahres präsentierte der Chor dann die dritte Cover-Version eines deutschen Songs: „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten. Angeblich sollen damals viele Gäste im Publikum eine Gänsehaut bekommen haben, als rund 30 Mädchen in weißen Hosen und schwarzen T-Shirts mit süßem belgischen Akzent „Arschloch, Arschloch, Arschloch” hauchten.

Auch heute noch läuft vielen Zuhörern bei den ätherischen Chorgesängen ein Schauer über den Rücken. Den zahlreichen Fans vom Jugendlichen bis zum Rentner, weil die klaren, hellen Stimmen und die an Rundbögen reiche Klavierbegleitung selbst aus dem härtesten, düstersten Song eine Ode an die Freude machen. Bestes Beispiel: Das im Original zwischen Zerstörung und Eros pendelnde „Underneath it all” der Nine Inch Nails. Auch Thom Yorkes selbstquälerisches „Creep” hat nach der Vergoldung durch die jungen belgischen Kehlen plötzlich das Zeug zum zuckergusssüßen Hochzeitslied und begleitete 2010 einen Trailer zum US-Film „The Social Network”. Manche Kritiker hingegen schaudert es, weil sie bei längerem Hören der überwiegend recht ähnlich und sehr brav arrangierten Cover-Hits an Worte wie Fahrstuhlmusik und Kommerz denken müssen. Die Videos mit den attraktiven jungen Frauen erinnern zudem entfernt an das einst so lukrativ zur Schau gestellte Gruppenglück der ehemaligen Abräumer Kelly Family – allerdings ohne deren hippieske Hausboot-Romantik. Dafür aber mit Mädcheninternatsfantasien.

Abzusehen war der internationale Erfolg kaum, als die Kolacny-Brüder 1996 in der belgischen Stadt Aarschot rund 20 Mädchen zum ersten Vorsingen einluden. Entsprechend der Traditionen orientierte sich der in Belgien bald gefeierte Chor zunächst am klassischen Repertoire und auch an Weihnachtsmusik, bis 2002 die CD „Scala on the Rocks” herauskam. Mehrere Alben, darunter das rein deutschsprachige „Grenzenlos”, folgten. Mit der aktuellen CD „Circle” hat der Chor in nur zehn Jahren ein Dutzend Alben vorgelegt und in einer Stückzahl von weit über 300 000 Stück verkauft. Ein Ergebnis, das in den Ohren des unermüdlichen Mädchenchors wie Musik klingen dürfte.Eva Kalwa

Donnerstag, 19 Uhr, Zitadelle Spandau, Am Juliusturm. Tickets 32 bis 47 Euro unter Tel. 230 99 30 oder auf www.berlin-ticket.de.

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