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Oderhochwasser : Flutwelle erreicht Frankfurt - der Pegel sinkt

Die Flutwelle zieht mittlerweile in voller Stärke durch Frankfurt/Oder. Bei Ratzdorf hielt am Freitag ein Damm dem Druck der Oderflut nicht stand, schnelle Hilfe verhinderte Schlimmeres.

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Der Scheitel des Oderhochwassers hat mittlerweile Frankfurt erreicht. Am Samstagmorgen wurde dort laut Hochwassermeldezentrum ein Pegel von 5,97 Metern gemessen. Das ist mehr als ein halber Meter unter dem Hochwasser von 1997. Weiterhin gilt dort die höchste Alarmstufe 4, ebenso wie im Bereich Ratzdorf.

Die Flutwelle ziehe derzeit "in voller Stärke" durch Frankfurt, sagte Innenministeriumssprecher Ingo Decker. Die Pegel südlich der Stadt fallen seinen Angaben zufolge leicht, nördlich von Frankfurt steigen sie noch. Die Alarmstufe 4 werde dort aber voraussichtlich nicht ausgerufen werden müssen, sagte Decker.

Dennoch: Das Schlimmste scheint überstanden zu sein. Am Freitag hatte der höchste Punkt des Oderhochwassers die Gemeinde Ratzdorf bereits nach wenigen Stunden durchlaufen. Laut dem Wasser- und Schifffahrtsdirektion in Berlin sank der Pegel am Abend auf 6,26 Meter – drei Zentimeter weniger als der Maximalpegel vom Freitagmorgen.

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Helfer sichern in Brieskow-Finkenherd einen Deich am Brieskower See. Da der See mit der Oder verbunden ist, ist auch hier das Wasser angestiegen. Der Deich schützt die Zilkendorfer Niederung vor dem Hochwasser.Weitere Bilder anzeigen
1 von 31Foto: dpa
25.05.2010 17:58Helfer sichern in Brieskow-Finkenherd einen Deich am Brieskower See. Da der See mit der Oder verbunden ist, ist auch hier das...

Aber es war knapp gewesen. Die Meldung des Deichläufers um 5 Uhr früh an das Hochwassermeldezentrum klang dramatisch: „Riss des Dammes am Kilometer 4 auf schätzungsweise 75 Metern. Wasser drückt durch.“ Den Fachleuten genügte ein Blick auf die Landkarte, um sofort Alarm auszulösen. Der gemeldete Schadensort befand sich in der Neuzeller Niederung, kurz hinter Ratzdorf am Zusammenfluss von Oder und Neiße, und betraf einen noch nicht sanierten Deichabschnitt. Nun musste es schnell gehen, um eine Überflutung der Region zu verhindern. „Rund 150 Angehörige des Technischen Hilfswerks machten sich sofort ans Werk“, schilderte der Landrat des Kreises Oder-Spree, Manfred Zalenga, die Situation. „Mit Reisigbündeln und hunderten Sandsäcken dichteten sie in fünf Stunden die Stelle ab. Nun dürfte nichts Schlimmes mehr passieren.“

Wie sich herausstellte, hatten sich die Grasnarbe und der darunter liegende Mutterboden auf einer Höhe von 50 bis 60 Zentimetern vom übrigen Deichkörper gelöst und waren heruntergerutscht. Das Wasser hielt sich nur noch wenige Zentimeter unter der Barriere und hätte überschwappen oder den restlichen Deich wie Schmierseife wegschieben können. So aber verhinderte der aufmerksame Deichläufer eine mögliche Katastrophe.

Noch etwa zehn Prozent der 160 Kilometer langen Brandenburger Oderdeiche sind seit dem letzten Oderhochwasser 1997 nicht erneuert worden. „Unseren neuen Dämmen kann so ein Abrutschen einzelner Teile nicht passieren“, versicherte der Chef des Landesumweltamtes, Professor Matthias Freude. „Da stecken komplizierte Filteranlagen drin, die der Flut den Druck nehmen.“ Der Bau eines neuen Deiches kostet pro Kilometer etwa anderthalb bis zwei Millionen Euro.

Die bisher recht gelassenen Einwohner von Ratzdorf gerieten angesichts der Schadensmeldung doch in Unruhe. „Der alte Deich war von Anfang an ein kritischer Punkt“, sagte Bürgermeisterin Ute Petzel. „Bei einem Deichbruch wäre unser Ort sozusagen von hinten vollgelaufen. Da hätte uns der neue Damm nicht viel genützt.“

Bereits teilweise unter Wasser steht der Ortsteil Fürstenberg von Eisenhüttenstadt und der südliche Ortsteil von Frankfurt rund um den Buschmühlenweg. Stellenweise erreicht das Wasser eine Höhe von 40 Zentimetern. Während die Anwohner ihre Häuser mit Sandsäcken schützen, funktioniert die Kanalisation nicht mehr. Die Stadt hat daher mobile Toiletten auf den Gehwegen aufgestellt. „Kurz nach dem Hochwasser vor 13 Jahren hatte der damalige Oberbürgermeister eine Barriere vor den Oderwiesen versprochen“, erzählte ein Anwohner in einer kurzen Pause beim Sandsackfüllen. „Geschehen ist nichts.“ Aber im Vergleich zu 1997 stehe das Wasser im Buschmühlenweg etwa einen halben Meter niedriger.

Weil ein normaler Pkw nicht mehr fahren könnte, hat das Rote Kreuz einen Shuttle-Dienst mit einem Geländefahrzeug entlang dem drei Kilometer langen Straßenzug eingerichtet. Am Vormittag wurden erst die Schulkinder eingesammelt, später nutzten auch andere Bürger das Angebot.

Am Samstag will sich Bundeskanzlerin Angela Merkel ein Bild von der Lage im Hochwassergebiet machen und sich die Schutzmaßnahmen an der Oder ansehen. Begleitet wird sie von Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck.

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