Berlin : Odyssee im Audimax

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STADTMENSCHEN

Der Starfriseur Gerhard Meir lag sich wahrscheinlich noch mit der Prominenz in den Haaren. Jedenfalls konnte er nicht kommen. Er sollte eigentlich am Welttag des Buches im Audimax der HumboldtUni mit der literaturwissenschaftlich vorgebildeten Unternehmensberaterin Gertrud Höhler eine Podiumslesung und eine Diskussion über die U- und E-Literatur führen. Klar, wer von den beiden für die Unterhaltungsliteratur stehen sollte. Höhler, Autorin von „Die Sinnmacher“, las aus Homers Odyssee. Anstelle des Friseurs erschien Denis Scheck und las aus dem „Herrn der Ringe“. Klar auch, dass Scheck, der ARD-Literaturredakteur, für den Friseur kein Ersatz sein konnte. Einfach zu schlau, der Mann. Nicht U-Kultur genug. Und überhaupt verbat er sich überkommene Kategorisierungen: die Literatur in gute und seichte, die Gesellschaft in obere und untere Klassen einzuteilen. Es entspann sich dann zwischen der Unternehmensberaterin und dem passionierten Leser eine Diskussion, bei der erstere präzise zwischen oberem und mittlerem Management unterschied. Das mittlere Management lese noch, das obere nicht. Worauf Scheck bemerkte, Kapitalismus und Lesen kämen wohl nie zusammen. Die Literatur sei kein Pflästerchen für gesellschaftliche Wehwehchen und es sei unmöglich, sie in die Kategorien von Dosensuppenverkäufern einzuordnen. Die wahren Leser seien ohnehin immer die gleichen. Und ob das zu wissen, nicht eigentlich tröstlich sei? ded

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