Ökologie trifft auf Ästhetik : Berlin und sein Fassadenfetisch

Ein Kunstwerk verschwindet unter Dämmplatten. Eine Grundsatzfrage – Schönheit oder Klimaschutz? Fassadenstreitigkeiten haben in Berlin Tradition. Was macht es mit einer Stadt, wenn ihre Bauherren oberflächenfixiert sind und darüber den Innenraum vergessen?

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Erhaltene Dorfstruktur im Ortsteil Lübars in Reinickendorf.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Peter Wand
08.11.2016 14:51Erhaltene Dorfstruktur im Ortsteil Lübars in Reinickendorf.

Am Morgen des 2. Juni 1965 schlüpft die Künstlerin Susanne Riée in ihre weißen Courrèges-Schuhe aus Paris, wadenhoch, aber mit einem vorwitzigen Loch für einen lackierten Zehennagel, und fährt nach Wilmersdorf zur Einweihung ihres ersten Fassadenkunstwerks in Berlin. Die dort anwesenden Fotografen werden ihre Objektive seltener auf Riées Werk an der Außenwand der städtischen Kindertagesstätte in der Prager Straße 10 in Wilmersdorf richten – immerhin blau-weiße Keramik aus Delft – als auf ihre Schuhe. Aber das ist natürlich die ganz eigene Art der Fotografen, eine Fassade zu würdigen.

Man rammte damals ein Rednerpult in den Bausand vor der Fassade, an Seilen sank feierlich ein Tuch herab. Auf einem Foto von diesem Moment scheint der Berliner Bär auf der Fahne am Rednerpult mit den Tieren auf der Keramik an der Wand zu sprechen. Es sind nicht nur die pomadigen Hinterköpfe der 60er Jahre zu sehen, auch der öffentliche Wille zu diesem Kunstwerk. Und die Wertschätzung Berlins für die Künstlerin.

49 Jahre nach dieser Feier sitzt Susanne Riée in ihrer schattigen Wohnung in der Potsdamer Straße, gießt einen Tee aus Paris auf und ist herb enttäuscht:

Im vergangenen Sommer schoss Riée die Idee durch den Kopf, alle ihre Kunstwerke, die an Berliner Bauten angebracht sind, einmal abzulaufen. Dass sie dafür den ganzen Sommer brauchte und den Herbst dazu, lag nicht nur daran, dass die Künstlerin mit inzwischen 87 Jahren langsam läuft, sondern dass ihre Keramiken so zahlreich in der ganzen Stadt verteilt sind.

Früher das Schöne. Als Susanne Riées erstes Fassadenwerk 1965 in Wilmersdorf enthüllt wurde, sah man neben pomadigen Hinterköpfen auch den öffentlichen Willen zur Kunst.
Früher das Schöne. Als Susanne Riées erstes Fassadenwerk 1965 in Wilmersdorf enthüllt wurde, sah man neben pomadigen Hinterköpfen...Foto: Privatarchiv Susanne Riée

Das Werk in der Schliemann-Grundschule in Rudow? Erstklassig erhalten. Das Relief in der Schwimmhalle Lankwitz von 1970? Tadellos. Das große Auge am Turm des Finanzamtes Reinickendorf von 1974? Blickt immer noch weithin sichtbar in die Welt. Die Uhr auf dem Schulhof der Charles-Dickens-Schule ist bis heute Treffpunkt der Schüler. Nur den Kaffeekannen-Brunnen in Kreuzberg hat das außerordentlich harte Berliner Wasser bis auf den Zement zerfressen.

Dann ging sie in die Prager Straße 10, um einen Blick auf ihr erstes Fassadenwerk von 1965 zu werfen. Sie sah: Emil und die Detektive. Genauer: Walter Triers Illustration zu Erich Kästners Kinderbuchklassiker. Aufgemalt auf eine Wärmedämmfassade. Nichts gegen Kästner, der an diesem Ort einmal gewohnt hatte, aber von ihrer vier Meter hohen Keramik war keine Spur mehr zu sehen. So, dachte sie entsetzt, geht Berlin mit seinen Künstlern um? Bescheid gegeben hatte ihr niemand.

Heute das Gute. Susanne Riées Kunstwerk verschwand unter einer Wärmedämmung - ohne dass der Künstlerin Bescheid gegeben wurde.
Heute das Gute. Susanne Riées Kunstwerk verschwand unter einer Wärmedämmung - ohne dass der Künstlerin Bescheid gegeben wurde.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Seitdem immer mehr Häuser Berlins zum Wohle des Klimas mit geschwollenen Gesichtern auf die Stadt blicken, die Proportionen verzerrt, die Augen tief in die Höhlen der gedämmten Laibung gesunken, tobt eine geradezu hysterische Debatte: Darf man Stuckfassaden, darf man die Moderne, jegliche Ästhetik ökologischen Zielen opfern? Darf man die Stadtansicht den Anbietern von Wärmedämmverbundsystemen überlassen? 

Schon diese Frage entzweit die Stadt. Doch das Problem sitzt tiefer. Denn wurde in den letzten 20 Jahren im architektonischen Berlin überhaupt schon einmal etwas anderes diskutiert als Fassaden? Die Wärmedämmung ist ja bloß der aktuelle Anlass. Und in Wahrheit ist sie nur ein neues Symptom einer alten Krankheit: In dieser Stadt verwechselt man nämlich Fassaden schon mit der ganzen Architektur.

Berlin ist ein Tourette-Patient, der in jede Architekturdebatte hinein F... rufen muss. Wird die Stadtentwicklung diskutiert: F… Steht die Gestaltung des zentralsten Platzes der Hauptstadt an: F… Bundesweite Klimaziele: F… Denkmalpflege heißt hier, eine Fassade zu pflegen. Die Fassade ist das F-Wort Berlins.

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