Ökostrom : Berlin will bei Nutzung von Sonnenenergie aufholen

Zwei neue Photovoltaik-Anlagen der Superlative nehmen ihren Betrieb auf. Die Idee der Linken für ein Berliner Öko-Stadtwerk erfährt Zuspruch aus der SPD.

Cay Dobberke,Lars von Törne

Der Anteil der in Berlin mit Sonne erzeugten Energie könnte sich in den kommenden zehn Jahren verzwanzigfachen. Das ist die Hoffnung der Berliner Energieagentur. Das Dienstleistungsunternehmen, an dem neben Vattenfall, der Gasag und der Bank KfW auch das Land Berlin beteiligt ist, stellte am Mittwoch eine im Bau befindliche Fotovoltaikanlage auf dem Dach der Max-Schmeling-Halle in Prenzlauer Berg vor.

Mehr als 1000 Solarmodule sollen jährlich bis zu 220 Megawattstunden Strom liefern, was dem Bedarf von rund 100 Haushalten entspricht. Agentur-Geschäftsführer Michael Geißler pries die Anlage als „Berlins größte Solarbaustelle“. Diesen Superlativ beanspruchen aber auch andere: So eröffnen die Unternehmen Gasag und Solon am Freitag eine Pilotanlage in Mariendorf, die ebenfalls als „größte Solarstromanlage Berlins“ gilt. Mit 70 000 Quadratmetern ist sie zumindest von der Fläche her fast neun Mal größer als die gestern vorgeführte. Geißler und Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) bekräftigten die Absicht, den Anteil erneuerbarer Energien zu steigern. Bei der Fotovoltaik liege die Stadt unter dem Bundesdurchschnitt. Nur 0,08 Prozent des Stroms würden aus Sonnenenergie erzeugt; bundesweit seien es mit ein Prozent mehr als zwölf Mal so viel. Bis 2020 sollen es in Berlin 1,5 Prozent sein.

Der Senator und die Energieagentur sehen die 800 000 Euro teure Anlage auf der Max-Schmeling-Halle, die sich nach 17 Jahren amortisieren soll, als möglichen Baustein für die von Wolf angeregten Ökostadtwerke. Diese Idee eines kommunalen Versorgers für regenerative Energien erhält jetzt unerwarteten Beistand aus der SPD: Nachdem Klaus Wowereit eher zurückhaltend reagiert hatte, unterstützt der Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer, einer der maßgeblichen Umwelt- und Energiepolitiker der SPD, das Vorhaben. „Dies wäre ein beispielhaftes Projekt für alle Ballungsgebiete in Europa. Berlin könnte Vorreiter sein und sich einen Ruf als Hauptstadt der erneuerbaren Energien erwerben“, sagte Scheer, der Träger des Alternativen Nobelpreises und Präsident der Europäischen Vereinigung für Erneuerbare Energien Eurosolar ist, dem Tagesspiegel. Er bestärkt Wolf darin, dass Berlin ins Gasag-Netz einsteigen solle. So bekomme man Einfluss auf die Investitionen des Versorgers. Aus anteiligen Gewinnen könnten dann weitere Aktivitäten von Fotovoltaikanlagen über Biomasse bis zur Klärschlammverbrennung bezahlt werden. Diese seien in einem starken Stadtwerk zu bündeln, das Berlin, Potsdam und das Umland mit mehr als vier Millionen Einwohnern umfasst.

Unterdessen gehen auch Bemühungen weiter, den Stromverbrauch zu senken: Als zehntes Unternehmen schloss am Mittwoch das IT-Dienstleistungszentrum Berlin eine Klimaschutzvereinbarung mit Umweltsenatorin Katrin Lompscher (Linke). Das Rechenzentrum in Wilmersdorf dient Bezirks- und Senatsverwaltungen, Polizei und Feuerwehr. Bis 2015 will es seinen Energieverbrauch um 27 Prozent vermindern, dies entspricht jährlich mehr als 2000 Megawattstunden Strom und Wärmeenergie. Dazu beitragen soll die Umstellung von üblichen Arbeitsplatz-PCs auf Terminals, die nur aus Bildschirm und Tastatur bestehen. Die gesamte Datenverarbeitung findet in effizienteren Servern statt. Zudem nutzt das Zentrum Ökostrom, verbessert die Gebäudetechnik und erneuert seinen Fuhrpark.

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