Berlin : Ölpreis-Debatte: Wer kunstvoll fährt, der verbraucht weniger Benzin

Benjamin Wagener

Während er mit der einen Hand den Gurt sucht, greift Stephan Engel mit der anderen Hand zur schwarzen Sonnenbrille. Das Licht blendet trotz der heruntergeklappten Sonnenblende. Engel lässt den Motor des schwarzen Opel Omega an, und fast zärtlich umfasst der muskulöse, kräftig gebaute Mann den Schaltknüppel. Erster Gang. Innenspiegel, Außenspiegel, Schulterblick. Sicher ordnet sich Engel in den fließenden Verkehr ein. Nach zehn Metern ist jedoch schon wieder Schluss. Die Ampel am Großen Stern Ecke Straße des 17. Juni zeigt rot. Mit dem letzten Schwung gleitet der Wagen an die Fahrzeugschlange. Ein schneller Dreh am Zündschlüssel und das leise Vibrieren des Fahrzeugs erstirbt.

Stephan Engel gehört zur Fahrbereitschaft des Deutschen Bundestages und hat eine der Grundregeln des energiesparenden Fahrens beherzigt: den Motor abzuschalten, sobald man an einer roten Ampel wartet. Gestern nahm Engel mit Kollegen aus den Bundesministerien an einem Kurs zu ökologischem Fahrverhalten teil. Und übte vorausschauendes Fahren, sanftes Schalten, benzinsparendes Bremsen und niedertouriges Beschleunigen. Zur Probefahrt eingeladen hatte das Bundesumweltministerium.

Ernst-Reuter-Platz Ecke Bismarckstraße. Hundert Meter vor der schwarzen Limousine staut sich der Verkehr. Stephan Engel lässt den Wagen rollen und hält Abstand. Bevor er bremsen muss, hat sich die kleine Stockung aufgelöst. Hinter ihm nickt Ulrich Pfeiffer befriedigt mit dem Kopf. Der Energieberater leitet den Kurs im Auftrag des Bundesumweltministers. "Man muss die Energie immer ausnutzen. Beim Beschleunigen wird viel Energie verbraucht, die bei unnötigem Bremsen verschwendet ist", wiederholt Pfeiffer für seinen Schüler die Theorie, die hinter dem Fahrmanöver steckt. Vor der praktischen Umsetzung der Tipps hatten die Fahrer einen theoretischen Unterricht absolviert. Außerdem haben sie eine 15 Kilometer lange Runde durch die Berliner Innenstadt gedreht. Dieselbe Schleife ist nun wieder zu fahren - möglichst ökologisch und energiesparend.

Stephan Engel scheint seine Sache nicht schlecht zu machen. Ruhig biegt er in die Olbersstraße ein. An der Ampel musste er wieder abstoppen - der Motor allerdings läuft weiter. "Das war richtig. Die Fußgängerampel hatte schon wieder rot. Deshalb musste es gleich weiter gehen", erklärt Pfeiffer. Auch das Anfahren des Schülers gefällt dem Lehrer. Engel benutzt den ersten Gang nur zum Anrollen, schaltet schnell in den zweiten Gang und beschleunigt dann zügig. "Autofahren ist eine Kunst wie ein Musikinstrument spielen. Man muss sich perfektionieren", erzählt Pfeiffer.

In der Kaiserin-Augusta-Allee überholt ein roter Kombi. Er wechselt die Spur und fährt rechts ran. Ein Frau steigt aus, Stephan Engel unterdrückt einen Fluch: Das scharfe Bremsen hat die Energie des Motors ungenutzt verpuffen lassen. Der Bordcomputer im oberen rechten Eck des Armaturenbretts beweist es. Engel, der vorher als Lkw-Fahrer im Stadtverkehr und als Kfz-Mechaniker gearbeitet hat, blickt in den Spiegel und ordnet sich wieder ein. Der erste Gang wird wieder nur zum Anrollen benutzt. Gelernt ist gelernt.

Schwung nutzen, laufen lassen

Insgesamt waren für Stephan Engel allerdings nicht alle Pfeifferschen Regeln neu. Dafür hatte er vor seinem Bundestagsjob schon zu viel Zeit mit Autos verbracht. "Viele Ratschläge habe ich schon immer befolgt", erzählt der Fahrer, der schon Norbert Blüm und Friedrich Merz befördert hat. Da allerdings sei es immer schwierig, energiesparend zu fahren. "Wir sind viel auf Autobahnen und die Abgeordneten wollen ja auch mal ankommen. Tempo 130 ist doch sehr langsam."

Schlossstraße Ecke Spandauer Damm. Der Bordcomputer zeigt einen Verbrauch von 5,4 Litern, der Wagen gleitet zügig dahin, und Ulrich Pfeiffer ist begeistert: "Hier sieht man, dass energiesparendes Fahren nicht langsam sein muss. Schwung nutzen und laufen lassen. Genau so." Bevor Stephan Engel hoch schaltet, rückt er die Sonnenbrille zurecht.

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