ÖPNV : S-Bahn fährt die Qualität runter – und die Preise rauf

Verspätungen, überfüllte Züge, Probleme mit der Wartung - die Mängelliste, die der Fahrgastverband lgeb der Berliner S-Bahn ausstellt ist lang. Ungeachtet dessen pocht S-Bahn-Chef Tobias Heinemann auf eine Tariferhöhung bei den Ticketpreisen. Der Verkehrsverbund entscheidet im November darüber.

Klaus Kurpjuweit

Sinkende Qualität und höhere Fahrpreise. Die S-Bahn macht’s möglich. Nach BVG-Chef Andreas Sturmowski hat jetzt auch S-Bahn-Chef Tobias Heinemann gefordert, die Tarife zu erhöhen – in Höhe der Inflationsrate. Doch während die BVG jährlich Verluste einfährt, weil die Kosten vom Land nicht voll übernommen werden, überweist die S-Bahn nach wie vor jährlich rund 34 Millionen Euro als Gewinn an die Bahn AG.

Die S-Bahn solle nicht über höhere Preise nachdenken, sondern sich Gedanken machen, wie sie wieder ein Qualitätsprodukt werden könne, sagte gestern Jens Wieseke vom Fahrgastverband Igeb. Und der Chef des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB), Hans-Werner Franz, sieht den Vorstoß Heinemanns kritisch. Die Qualität der S-Bahn habe sich erheblich verschlechtert. Jetzt auch noch höhere Preise zu fordern, passe nicht dazu.

Randvolle Züge, weniger Fahrzeuge

Die S-Bahn pfercht Fahrgäste häufig in randvolle Fahrzeuge, weil sie kürzere Züge als früher einsetzt. Statt mit acht Wagen sind die Bahnen sogar auf dem Ring, den die S-Bahn selbst zu den nachfragestärksten Strecken zählt, nur mit sechs Wagen unterwegs – und das auch beim Zehnminutenverkehr. So kann die S-Bahn weniger Fahrzeuge einsetzen, was Kosten spart und den Gewinn steigert. Zahlreiche Züge, auch der modernen Baureihen, sind in den vergangenen Jahren außer Betrieb genommen oder sogar verschrottet worden.

Im mit dem Senat geschlossenen Verkehrsvertrag ist nicht geregelt, wie lang die Züge sein müssen. Fest vereinbart ist nur die Summe, die der Senat für den Betrieb überweisen muss. 2007 waren es nach Tagesspiegel-Informationen 225,1 Millionen Euro, 2010 sollen es 236,4 Millionen Euro werden. Die landeseigene BVG, die die dreifache Verkehrsleistung erbringt, erhält laut Verkehrsvertrag 250 Millionen Euro. Die S-Bahn verweist darauf, dass sie den Verkehr ständig beobachte und „bei Bedarf“ auch mehr Wagen einsetzen werde.

Fahrgastinformation mangelhaft

Die Züge der S-Bahn seien aber auch unpünktlicher geworden und fielen häufiger aus als vor einigen Jahren, bemängelt Franz weiter. Mitarbeiter begründen dies unter anderem damit, dass auch in den Werkstätten gespart werde, was die S-Bahn-Geschäftsführung stets zurückweist. Im Einsatz bleiben aber auch Fahrzeuge mit Rissen im Boden. Immerhin erhält die S-Bahn weniger Geld vom Senat, wenn die im Vertrag vorgegebenen Werte bei der Pünktlichkeit nicht erreicht werden oder bestellte Fahrten ersatzlos ausfallen. Zuletzt war der Fahrplan in der vergangenen Woche erheblich eingeschränkt worden, weil die Gleise zwischen Lichtenberg und Friedrichsfelde Ost marode waren. Zuständig ist hier allerdings der Bereich Netze der Bahn AG, der aber auch sparen muss.

Um Personalkosten zu senken, hat das Unternehmen zudem bereits auf den meisten der 165 Bahnhöfen die Aufsichten abgezogen. Weil die Mitarbeiter aber vorher auch die Zugzielanzeiger eingestellt hatten, sind jetzt die Informationen auf den Bahnsteigen häufig nur noch vage. Auf Stationen, an denen Züge mehrerer Linien halten, erkennen Fahrgäste erst am einfahrenden Zug, wohin die Reise geht – falls man auf die Schnelle das Zugziel lesen oder die Durchsage aus dem Führerstand verstehen kann.

Höhere Fahrpreise seien bisher nicht beantragt worden, sagte Chef des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB), Franz. Sie werden von den Verkehrsunternehmen vorgeschlagen und dann vom Verbund beschlossen. Dessen Aufsichtsrat tagt Ende November. Die Frist würde dann reichen, um die Preise zum 1. April 2009 zu erhöhen, sagte Franz. Und Wünsche könne vorher jeder äußern – auch die S-Bahn.

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