Berlin : Offene Worte in großen Roben

Elisabeth Binder

Man trägt wieder Rot. Dazu passen offene Worte. Die Goldene Kamera spielt immer auch die Rolle des Eröffnungsfeuerwerks für die Berlinale. Wer in der deutschen Medienszene etwas bedeutet, sitzt am Vorabend der Filmfestspieleröffnung im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt. Dort wird der Ton gesetzt für die kommenden Glamour-Wochen; was die Kostbarkeit der pailletten- und brokatglitzernden Roben betrifft, ist die Gala der Hörzu gleichzeitig ein bislang uneingeholter Höhepunkt. Nach den schwarzen Wochen im Herbst fielen die leuchtenden Farben besonders ins Auge.

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Dass die Stimmung trotz der hohen Stardichte eher nüchterner wirkte als früher, ist wohl der Tatsache zuzuschreiben, dass Pathos in glitzrigem Zusammenhang im Moment megaout ist. Die Zeiten sind einfach zu schwierig für gespielte Gefühle. Statt tränenreicher Hommagen an die Urgroßmütter im Himmel, gab es Annäherungen an den wahren Kern des Verleihungswesens. Moderatorin Sandra Maischberger wies bei ihrem Dank darauf hin, dass eine solche Veranstaltung ja auch "ein brutaler Messgrad" ist dafür, "wie viel man gerade wert ist". Besser "als zwischen Thomas Gottschalk und Harald Schmidt in der ersten Reihe" könne es nun kaum noch werden. Anne Wills Lob der Lässigkeit kam danach wie ein Überlebensrezept. Dabei hatte Springer-Vorstand Mathias Döpfner unmittelbar zuvor noch den "Jahrmarkt der Eitelkeiten" verteidigt, schließlich leben bunte Blätter davon, dass Stars eitel und exzentrisch sind. Bescheidenheit bringt keine Quoten. Durchhalten bringt Quoten. Viel Beifall gab es für Veronica Ferres und Bobby Brederlow, der es trotz Down-Syndrom geschafft hat, eine außergewöhnliche Fernsehkarriere zu machen. Eine stehende Ovation erhielt Johannes Heesters, der 1922 zum ersten Mal auf der Bühne stand und nun mit gut 98 Jahren für sein Lebenswerk geehrt wurde: "Ich bin immer noch da." Er versprach, mit 100 in Thomas Gottschalks Show zu kommen und ihm dann die "goldene Klappe" mitzubringen, probt im Übrigen für den "Kirschgarten" und saß um eins immer noch auf der Party. Im Kontrast wirkte des blonden Gottschalks Sorge, er könne nun, weil er als Erster in die Hall of Fame aufgenommen wurde, zum Denkmal erstarren, fast so komisch wie seine Laudatio auf "den Nachwuchs, der auch schon graue Haare trägt." Harald Schmidt brachte mit einer Endlosaufzählung die lustigste Persiflage auf das Danksagungswesen, während Cate Blanchett originellerweise Tom Tykwers Eltern dafür dankte, dass sie so einen großartigen Sohn hervorgebracht haben. Andrea Bocellis Gesang erinnerte an gefühlvollere Zeiten.

Das Partywandeln im Anschluss wäre für jeden Autogramm-Sammler ein Gang durchs Schlaraffenland gewesen: Wo man hinschaute, blickte man in ein vertrautes Fernsehgesicht. So ganz unter sich, mit Lamm, Reh und Wein gut versorgt, konnte man bis zum frühen Morgen dem Geschäft der Selbstdarstellung nachgehen. Ganz nüchtern hinter all den kostbaren Masken.

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