Berlin : Offener Posten

Werner Schmidt

Seit knapp drei Monaten ist der Chefsessel im Polizeipräsidium am Platz der Luftbrücke verwaist. Die Amtsgeschäfte des pensionierten Hagen Saberschinsky führt derzeit kommissarisch sein Vize Gerd Neubeck. Der frühere Nürnberger Oberstaatsanwalt rechnet sich auch Chancen aus, Nachfolger von Saberschinsky zu werden.

Wann die Innenverwaltung endgültig über das Amt entscheidet, steht bisher noch in den Sternen. Eine eindeutige Auskunft ist aus dem Haus von Senator Ehrhart Körting (SPD) jedenfalls nicht zu erhalten: "Ein Termin ist nicht festgelegt. Derzeit ist es noch ein schwebendes Verfahren", sagte der Sprecher der Innenverwaltung, Peter Fleischmann. Auf die Frage nach der Zahl der Bewerber gibt er sich ebenso sibyllinisch: Es gebe eine Reihe von "sehr gut qualifizierten Bewerbern" für das Amt. Mit diesen würden derzeit Einzelgespräche geführt.

Dabei stehen mindestens zwei Bewerber fest: Der derzeitige Vizepräsident Gerd Neubeck und der frühere Bonner Polizeipräsident und ehemalige Bremer Innenstaatssekretär Michael Kniesel. Dieser bestätigte gegenüber dem Tagesspiegel, dass er seine Bewerbung abgeschickt habe, aber das Amt wahrscheinlich gar nicht antreten könnte, falls die Wahl auf ihn fiele. Er sei derzeit in der freien Wirtschaft tätig und könne nach derzeitigem Stand der Dinge seinen Arbeitsvertrag nicht lösen.

Allerdings sieht er in der Stelle des Berliner Polizeipräsidenten in Berlin nicht nur eine Herausforderung, sondern verfügt auch über einschlägige Erfahrungen als Polizeipräsident einer Hauptstadt. Immerhin war der 56-Jährige von 1988 bis 1993 verantwortlich für die Sicherheit in Bonn. Dann aber geriet der für viele Konservative zu liberale Kniesel ins Schussfeld der Politiker. Als im Mai 1993 während der Asyl-Debatte Demonstranten die Zufahrten zum Regierungsviertel blockierten, ließ Kniesel sie gewähren. Die Bonner Hauptstadtpolitiker schäumten. Seinen Weggang nach Bremen im Juni desselben Jahres versuchte denn auch niemand zu verhindern.

Ein Name, der immer wieder genannt wird, wenn eine Stelle an der Spitze der Berliner Polizei zu besetzen ist, ist der des Präsidenten des Bundesgrenzschutzpräsidiums Ost, Udo Hansen. Das 49-jährige SPD-Mitglied vertritt allerdings die Auffassung, für das Amt eines Polizeipräsidenten bewerbe man sich nicht, sondern werde berufen. Nichtsdestotrotz hält sich hartnäckig das Gerücht, er habe seine Bewerbung abgeschickt. Auch ein Gespräch mit Innensenator Körting soll er bereits gehabt haben.

Ebenso wenig wollte sich Detlef Graf von Schwerin äußern. Auch der Name des derzeitigen Potsdamer Polizeipräsidenten taucht im Reigen derjenigen auf, die sich angeblich für den freien Posten in Berlin beworben haben sollen. Er verliert mit der für Mitte dieses Jahres angestrebten Polizeireform in Brandenburg seinen Job. Wie berichtet, sollen die derzeit fünf Polizeipräsidien auf zwei verringert werden. Die beiden Präsidenten-Stellen sollen dann neu ausgeschrieben werden. Detlef Graf von Schwerin verlässt sich auf das Wort von Innenminister Jörg Schönbohm, der sich in der Pflicht fühle, die arbeitslos gewordenen Polizeipräsidenten unterzubringen: "Aber bisher ist bis auf Frau Leichsenring (die Polizeipräsidentin von Eberswalde) noch niemand platziert", sagte von Schwerin.

Der fünfte Name, der als einer der angeblichen Bewerber durch den Flurfunk der Polizeibehörde am Platz der Luftbrücke geistert, lautet Gerhard Fricke. Der frühere Beamte des Bundeskriminalamtes - er war als Leiter der Sicherungsgruppe Berlin unter anderem zuständig für den Schutz von Bundesministern und Bundesabgeordneten - ist seit April 2001 Referatsleiter beim Berliner Verfassungsschutz. Dort wolle er auch bleiben, sagte Fricke.

Wenn es einen Wunschkandidaten für die rund 20 000 Polizisten in Berlin gäbe, die Mehrzahl entschiede sich vermutlich für Gerd Neubeck. Der 50-Jährige hat nach Ansicht eines hohen Polizeibeamten gegenüber Hagen Saberschinsky einen entscheidenden Vorteil: "Er kann zuhören."

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