Berlin : Ohne Balkon wird’s billiger

„Parkviertel Dahlem“ wird Großbaustelle. Wer Mehrkosten nicht zahlen kann, erhält Alternativangebote

Christian van Lessen

Zur Großbaustelle soll die ehemalige Hüttenwegsiedlung in diesem Jahr werden. Auf dem rund 300 000 Quadratmeter großen Gelände, jetzt „Parkviertel Dahlem“ genannt, will die Apellas-Gesellschaft die ersten von 26 Doppelhaushälften und Stadtvillen errichten. Auch die Modernisierung vorhandener Bauten soll in Fahrt kommen. Das Unternehmen möchte 80 Millionen Euro investieren.

Seit Juni, als die amerikanische Gesellschaft das Gelände vom Bund übernahm, wurden bislang zwei der 50 Siedlungshäuser mit insgesamt 1096 Wohnungen saniert. Von rund 300 Wohnungen, die Apellas verkaufen will, wurden nach eigenen Angaben 32 an Mieter verkauft.

Die neuen Eigentümer fanden anfangs eine „ziemlich aufgebrachte Stimmung“ vor, erinnert sich Veit Fischer von der Wohnungsgesellschaft. An den Fassaden hingen Transparente: „Grillen statt Heuschrecken.“ Dabei ging es Mietern weniger um Grillplätze als um die Sorge vor amerikanischen Profit-Investoren.

Nach Ansicht der Gesellschaft, die für die Siedlung 80 Millionen Euro zahlte, hat sich die Lage beruhigt. Ismail Kosan vom „Verein der Hüttenwegsiedlung“ ist allerdings vom Gegenteil überzeugt. Es gebe zahlreiche Widersprüche gegen die angekündigte Modernisierung, die Mieten dürften durchschnittlich um 150 bis 350 Euro steigen, sagt der frühere Abgeordnete der Grünen. Der Mieterverein sprach bereits von einer „Kündigung auf kaltem Weg“. Rechtlich sehe es für kritische Mieter allerdings nicht gut aus, die Arbeiten verbesserten den Wohnwert.

Schon der Name der Siedlung hat sich nach Ansicht der Investoren verbessert. „ Hüttenwegsiedlung“ schien ihnen zu negativ besetzt, erinnerte an Ärger der Mieter mit dem Bund, an Streit um Betriebskostenabrechnungen. Die Wohnanlage sei vernachlässigt worden, sagen die neuen Eigentümer. „Parkviertel Dahlem“ passe besser zur guten Stadtlage.

Aber das Viertel wirkt recht unbewohnt. Bei der Übernahme vom Bund betrug der Leerstand 25 Prozent, heute sind es gut 30 Prozent. Das sei, sagt Apellas, „kein wirkliches Problem“. Die Modernisierung fange ja erst richtig an – mit der Aufstockung von vier auf fünf Etagen, der Wärmedämmung, dem Anbau von Aufzügen und Balkonen. „Kein Mieter wird vertrieben, er bekommt ein Alternativangebot“, versichert Veit Fischer von Apellas. Wer nachweist, dass die neue Miete eine finanzielle Härte darstellt, kann in andere Gebäude der Siedlung umziehen. Etliche Mieter haben schon die Straßenseite gewechselt. Statt einer Kündigungswelle ließe sich eher eine Umzugswelle erwarten, heißt es. Intern wird gar überlegt, bei Zahlungsunwilligen unzugängliche „Blindbalkone“ zu installieren. Einen Aufzug sollten nur Häuser erhalten, die privatisiert werden.

Das Viertel war in den fünfziger Jahren für amerikanische Soldatenfamilien gebaut worden, direkt in den Grunewald hinein. Auf den Straßenschildern sind Namen wie Flanagan, Marshall, Steward oder Taylor zu lesen. Wo am Waldrand die US-Truppen eine Service-Station unterhielten, steht heute ein Lidl-Markt.

Nach dem Abzug der Alliierten sollten die Wohnungen der Siedlung zuziehenden Bundesbediensteten zur Verfügung stehen. Aber deren Interesse hielt sich in Grenzen. Dennoch wohnen hier viele Beamte, auch Angehörige des diplomatischen Dienstes, viele junge Familien. Apellas sagt, viele Bewohner freuten sich über den frischen Wind. Das Unternehmen bemühe sich, am Hüttenweg zusätzliche Einkaufsmöglichkeiten zu schaffen.

Baustadtrat Uwe Stäglin (SPD) ist „noch immer unglücklich, wie der Bund ohne Absprache mit dem Bezirk die Siedlung auf den Markt geworfen hat“, mit der Option für weitere Bauten und Baumfällungen. Der Bezirk habe die geplante Verdichtung deutlich reduzieren können, prüfe derzeit die Bauanträge. Über den Baumschutz müsse allerdings noch geredet werden.

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