Berlin : Ohne Dämon

Bernd Matthies

über das Volk und seine Lust an Palästen Dem Volk kann es ja egal sein. Es flutet dorthin, wo sich ihm die Türen öffnen, es liebt lange Nächte und lange Schlangen. Dennoch bietet uns das Wochenende ein merkwürdiges Zusammentreffen von zwei Veranstaltungen in symbolhaltigen Gebäuden: Der Palast der Republik wird schon seit Freitag als „Volkspalast“ wieder einmal zwischengenutzt, und das Bundeskanzleramt öffnet sich gleichermaßen ins Volk. Sehr berlinisch, das alles, und sehr pragmatisch. Denn irgendwie scheint es, als laufe die Gegenüberstellung der beiden Ereignisse nicht mehr auf den alten Ost-West-Gegensatz hinaus. Der Palast ist als Skelett zur Kenntlichkeit entstellt, taugt nicht mehr zur Dämonisierung und wird von Kulturgruppen spielerisch in Besitz genommen. Ein Stück Stadt. Das Bundeskanzleramt könnte im Prinzip ein umgekehrtes Schicksal erfahren und von Demonstranten dämonisiert werden – als Schaltzentrale des Unsozialen. Doch wahrscheinlich ist das nicht. Ein paar Transparente, ein bisschen Straßentheater, das schadet der Demokratie nicht: Eine friedliche lange Nacht des Protestes – das wäre auch eine sehr berlinische Veranstaltung.

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